11. August: Nabel der Welt

„Ich war mit dem Fahrrad am Mittelpunkt der Welt.“

„Hmm, des Saarlandes?!“

„Sag ich doch!“

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Im Wald, ein Stein mit Tafel, ich bin fast vorbeigedüst auf meiner kleinen Saarlandtour am Mittwch, ich habe doch noch angehalten und ein Foto gemacht. Eigentlich kein wichtiger, bedeutender Punkt, aber irgendwie doch nett gemacht. Es ging dann weiter über Illingen, Ottweiler, Limbach bei Homburg, St. Ingbert, Saarbrücken: 106 km, das hat an diesem Tag gereicht.

Für die alten Griechen lag der Nabel der Welt im heiligen Bezirk von Delphi, dort steht heute noch der Omphalos, ein Kultstein, bezeichnenderweise gleicht er eher einem Phallus als einem Nabel. Für die Römer lag der Nabel der Welt  natürlich in Rom, für die Inka lag er in ihrer Hauptstadt Cusco. Daraus schließe ich, dass es keinen wirklich festen Punkt für diesen Nabel gibt, mein Foto könnte also der Wahrheit entsprechen.

Leider haben in der Vergangenheit auch viele bedeutende Personen sich als den Mittelpunkt alles Bedeutsamen gesehen, das ging dann meist recht schnell in die Hose. Und auch heute schrecken mich einige nicht ganz unbedeutende Politiker mit ihrer Selbstüberschätzung: Maduro, Erdogan, Kim Jong Un, Trump, die sich allesamt als unfehlbar und über allen anderen erhaben fühlen. Bei letzterem muss ich gerade wieder an die Form des Omphalos in Delphi denken, Trumps Nabel ist jetzt schon tiefer gelegt, schon manches ist seit seinem Regierungsantritt in die Hose gegangen, vielleicht auch deshalb die Raketenspielchen, jedenfalls wirkt er eher vom Bauch(„nabel“) als hirngesteuert. Und das in dem Alter, Kompliment, für den Realitätsverlust. ( Ich habe mich wirklich bemühen müssen, jugendfrei weiter zu schreiben, bei diesen Typen packt mich die Wut.)

Für den Saarländer liegt der Nabel der Welt bei Falscheid, Stadt Lebach, seit dem Zweiten Weltkrieg. Im Grunde ist unser heutiges Saarland erst seit kurzer Zeit das jetzige Territorium. Gibt es vor diesem Hintergrund eigentlich einen typischen Saarländer, wohl kaum? Eigentlich nur Heinz, ich meine Heinz Becker. Wenn ich zum Beispiel von einem Berliner oder Kölner höre, dass er gerne Heinz Becker sieht, kann mir das schon fast peinlich sein, weil er mich dann gerade in diese Saarländer-Schublade schiebt. Nein, so als Heinz Becker möchte ich jetzt doch nicht gesehen werden. Andererseits, wenn man Aschermittwochsreden aus Bayern hört, so etwas könnte man im Kabarett nicht bringen, dann doch lieber Saarländer als bayrischer Politiker.

Kürzlich nordöstlich von Würzburg fuhren wir durch die Gemeinde, die demnächst den neuen Mittelpunkt der EU beherbergen wird, der jetzige liegt rund 70km weiter westlich, so schnell ändern sich die Schwerpunkte in der Welt- Da bleib ich lieber bodenständig und fahre über Falscheid nach Kohlhof. War es preußisch oder bayrisch Kohlhof? Beide nacheinander, beide im Saarland, hier gibt es für jeden etwas. Und wenn es auch nur Unsinn ist.

 

 

 

6. August: Erntezeit

IMG_20170804_181844Bei aller Trainingszeit, die ich für mein Mont Ventoux Projekt auf dem Fahrrad verbringe, muss ich natürlich auch an meinen Gemüsegarten denken. Dank der Regengüsse während der letzten Wochen bleibt das Gießen weitgehend erspart, auch das Unkrautjäten hält sich in Grenzen. Alles wächst prima und Ernten macht natürlich Spaß, die Verarbeitung ist zeitintensiver. Alles zeitnah zu verzehren ist einfach nicht drin. Also werden auch die Nachbarn je nach Bedarf versorgt, und manche Gemüse werden konserviert.

Gestern Abend haben wir ein ganz simples, aber schmackhaftes Spaghettigericht gegessen: Zwei Auberginen in Scheiben schneiden und salzen, nach zehn Minuten das ausgetretene Wasser mit Küchenkrepp abtupfen. Dann die Auberginenscheiben in Würfel schneiden und bei großer Hitze in der Pfanne in Olivenöl braten, die dürfen richtig Farbe bekommen, sollten richtig geröstet sein, hier muss man dauernd umrühren, damit nichts anbrennt, erfordert etwas Fingerspitzengefühl. Nach ein paar Minuten den Herd zurückschalten und simmern lassen, bis die Auberginen richtig weich sind. Zwei, drei klein gewürfelte Tomaten zugeben, Kräuter der Provence, Pfeffer, Chili, Schwarzkümmel, Knoblauch, je nach Gusto, mehr oder weniger, und noch etwas köcheln lassen. Natürlich sollte frisch geriebener Parmesan darüber. Dazu noch ein Gurkensalat, auch aus dem Garten. Ein Rosé du Mont Ventoux hat auch nicht gefehlt.

Zucchini kannte ich als Kind nicht, waren hier in unseren Landen nicht verbreitet. Erst mit den urlaubsreisenden Deutschen kam diese Frucht von südlich der Alpen im Bewusstsein von sonnenverbrannten Italienschwärmern in die deutsche Leitkultur. Entscheidender für die Verbreitung in deutschen Gemüsegärten dürfte gewesen sein, dass italienische Einwanderer aus ihrem Heimaturlaub Pflanzen oder Samen mitbrachten, um sie hier zu kultivieren, und dies stieß auch auf das Interesse der deutschen Nachbarn. Gärtnern ist völkerverbindend, weil es ein Grundbedürfnis anspricht: Nahrung. Und selbstverständlich dürfen wir den Einfluss der vielen italienischen Restaurants auf unserer Essgewohnheiten nicht vergessen.  Ich frage mich, wieso wir Zucchini  früher hier nicht anbauten, die Pflanze gedeiht hier vorzüglich, es wäre gemein zu sagen, sie wächst wie Unkraut, wenn das Wetter mitspielt. Und das ist in diesem Jahr der Fall: Ich verschenke seit drei Wochen kiloweise schöne kleine Früchte, dann sind sie noch butterzart. Zwei Tage später geerntet wären sie zwar schwerer, hätten aber auch schon große Kerne, und der zart nussige Geschmack wäre auch schon verloren. Wir haben in den letzten Jahren schon viele Zucchinirezepte ausprobiert, Suppe, Spagghetti mit angebratenen Zucchiniwürfelchen, Zucchinicarpaccio mit Räucherlachs und Pinienkernen, Zucchinischeiben in Olivenöl gebraten und mit Balsamico mariniert, alles mit Genuss gegessen. Nachfolgend ein Rezept um einen großen Überschuss haltbar zu machen, um  auch im Winter noch diese Sommerfrucht in  Erinnerungen an die heißen Tage geniessen zu können:

2kg Zucchini, 250g rote und 250g gelbe Paprika, 500g Zwiebeln werden in cm-Stücke geschnitten. Wer schon lange nicht mehr geweint hat, darf sich jetzt über die wiedereinsetzende Funktion der Tränendrüsen freuen, falls dies nicht der Fall ist, sollte ein Arzt aufgesucht werden. Aus 1 Liter Gurkenmeister (fertig verdünnt), 1/2 l Apfelsaft, 1 Esslöffel Salz, 2 Esslöffel Curry, 80g Zucker und 2 Esslöffeln Senfkörnern wird ein Sud gekocht. Die geschnippelten Gemüse lässt man dann im Sud 5 Minuten lang sprudelnd kochen und füllt dann in Twist off Gläser ab. Diese dann mindestens 5 Minuten lang auf den Kopf stellen, natürlich verschlossen. Ich verwende hierfür vorwiegend leere 500ml Joghurtgläser oder Gurkengläser, die ich in der Spülmaschine gespült habe, damit hatte ich bisher keine Ausfälle. Man kann diese Essigfrüchte sofort essen, nach ein paar Wochen schmecken sie aber besser.  Finde ich zumindest, aber: Essen ist Geschmackssache.  Buon appetito, cari amici!

 

1.August: Training

IMG_20170720_151241Je öfter ich hier in der Gegend herumfahre, desto schöner finde ich diese Landschaft. Seit Januar habe ich die Veränderungen im Saargau wahrgenommen, stetige Veränderungen, manchmal langsam, manchmal  bietet sich aber auch innerhalb von einer Woche eine ganz veränderte Sicht. Im Frühling plötzlich nach einer Woche alles voller Blüten, Apfelbäume oder auch Rapsfelder. Die Maisfelder anfangs kahl, dann kleine Pflanzen, dann wachsen rasend schnell mannshohe Pflanzen heran, jetzt langsam die Kolben. Getreidefelder mutierten von braun über hellgrün, grün zu goldgelb und jetzt liegen die Strohrollen auf den Stoppelfeldern. Die ersten rotbackigen Äpfel hängen an den Bäumen, die Fülle wird noch folgen und dann die Fäule, da ja nur noch ein Bruchteil des Obstes geerntet wird. Da ich in diesem Jahr erstmals die Chance habe, so viel Zeit im Freien zu verbringen, kann ich die Entwicklung so richtig gut verfolgen und genießen.

Ich habe das Glück, Zeit zu haben, aber ich muss auch mein Projekt Mont Ventoux vorantreiben, das heißt, ich muss trainieren. Manchmal muss ich mich auch zwingen, nicht jeden Tag habe ich so richtig Lust aufs Fahrrad zu steigen, oft genug schmerzen Beine und Gesäß noch vom Vortag. Aber es fehlen noch etwas Kraft und Ausdauer, die muss ich jetzt im August erarbeiten. Ich habe in den letzten Wochen Fortschritte gemacht: Steigungen bewältige ich jetzt auch im nächst höheren Gang mit etwas größerem Tempo. Oder ich halte in einer Steigung ein hohes Tempo über längere Zeit durch. Eine leichte Gewichtsabnahme und stärkere Beinmuskulatur sind erkennbar. Ich bin zuversichtlich, dass ich Anfang September fit genug bin. Ich habe auch nicht immer Lust zu schreiben, aber diese Verpflichtung bin ich eingegangen.

Das sind zur Zeit meine Hauptbeschäftigungen: Trainieren, Hausarbeiten, Blogartikel schreiben, Briefe schreiben für den betreuten Gefangenen (da tut sich schon wieder wenig Erfreuliches), Gartenarbeit, Ernten und Verarbeiten, alles aber ohne Stress.

Einige besorgte Damen in meiner Umgebung machen sich Sorgen, dass ich mich am Mont Ventoux verausgaben könnte. Wer genauer wissen will, was mich erwartet, kann sich unter www.quaeldich.de/paesse/mont-ventoux/ näher informieren, auf dieser Website gibt es auch schöne Bilder. Wir werden ab Malaucène fahren. Zur Beruhigung kann ich nur sagen, dass ich nach ärztlicher Untersuchung immer noch richtig gesund bin, mit 63 Jahren keine Medikamente nehme,im Gegensatz zu den meisten Besorgten, und dass mein Körper mir deutlich mitteilt, wann die Luft droht auszugehen. Dann gilt es zurückzuschalten und die Leistung eine Zeit lang zurückzunehmen. Manchmal nervt mich dieses Besorgtsein. Neulich habe ich dann auch mal auf die Warnung: „Nicht dass du oben ankommst und umfällst“ geantwortet: „Lieber oben als unten“. Kommentar von Patrick, der mein Wasserträger auf der Tour sein wird. „Du hältst es mit Neil Young; “Better burn out, than fade away'“- „Es ist besser auszubrennen, als zu verblassen“. So eng will ich es jetzt auch wieder nicht sehen, aber ich will auch mein Alter nicht im Sessel vor der Zeitung verschlafen. Ein bisschen Rock’n Roll muss schon noch sein, „it’s only rock’n roll, but I like it“.

 

24. Juli: Musik Hören , Straßenmusikanten

Während ich meine Blogbeiträge schreibe, läuft bei mir eigentlich immer Radio, Plattenspieler oder CD. Eine alte Marotte. In jungen Jahren war morgens meine erste Aktivität, das Tonbandgerät am Kopfende meines Bettes in Gang zu setzen, und abends schlief ich bei Beatles, Pink Floyd oder Genesis ein, die Bandmaschine schaltete am Bandende automatisch aus. Morgens musste ich dann halt das Band wieder einfädeln, Sekundensache. Mein Tonbandgerät habe ich schon vor Jahren über ebay an einen Liebhaber versteigert, ich hätte es nicht wegwerfen können. Mein Plattenspieler, Dual 1219, leistet mir seit 1974 gute Dienste. Wenn ich an einem Laden mit alten Platten vorbeikomme, gehe ich meist glücklich mit einer Tüte in der Hand weiter und das, ohne viel investiert zu haben. Napster, Spotify sind noch nicht mein Ding, aber ich werde langfristig wohl nicht daran vorbeikommen. Trotzdem, die gute alte LP ist zwar empfindlich aber etwas Handfestes.

Beim Radfahren sehe ich nicht selten andere Fahrer mit Knopf im Ohr. Hier beschränke ich mich meinerseits auf die virtuelle Musik im Kopf und im Bauch. Ich will einerseits aus Sicherheitsgründen die Umgebung wahrnehmen, ich will aber auch die Umwelt mit all ihren Facetten an mich heranlassen. Wobei ich mir sehr gut vorstellen kann, dass mich ein „Interstellar Overdrive“ von Pink Floyd an einem harten Anstieg antreiben könnte. Aber wie gesagt, primär mal nur Kopfmusik. Und je nach Situation entwickelt sich aus einem Geräusch und einer Situation eine Melodie, die ich je nach Luftkapazität  mitsummen und pfeifen kann, singen lasse ich lieber, das wäre akustische Umweltverschmutzung. Dann wird das Amselgezwitscher, das ich inzwischen ganz gut imitieren kann, zum „Blacbbird“ von den Beatles, und der Schlusssatz beschwingt mich: „you were only waiting for this moment to be free“. Das Postauto in Frankreich erinnert mich an Moustakis „Le jeune facteur“, zum Glück steigt eine junge Dame aus, sie darf überleben. Im Songtext ist der 17jährige Briefträger gestorben, traurig. Das passt mir heute nicht, schnell weiter. Die Industrieanlagen der Völklinger Hütte rufen mir „Echoes“ aus dem Bauch. Und oben auf dem Saargau mit Blick in die Weite klingen „Die vier Jahreszeiten“ von Vivaldi gerne mit.

Seit Ende der 70er Jahre spiele ich monatlich eine Runde Skat mit alten Freunden. Wir treffen uns abends, essen gemeinsam, dann wird gekloppt, gekämpft, gerechnet, geflucht, aber nie über den Anderen. Wir sind keine Profis, und der Abend bleibt entspannt, es wird um jeden Cent gefightet, und am Schluss gibt mir jeder zehn Euro für die Kasse. Die war mal wieder gefüllt, und wir verbrachten letztes Wochenende gemeinsam in Mainz. Sonntagmorgen ein nettes Erlebnis in den Rheinanlagen: zwei IMG_20170716_121604Musikstudentinnen verdienen sich ihr Taschengeld mit Geige und Violoncello, sehr ansprechende, leichte, gefällige Stücke spielen sie.. Ich muss schon sehr pressiert sein, um an Straßenmusikanten vorbeizugehen und das kommt selten vor. Da ich mir früher mein Taschengeld manchmal auch hart verdienen musste mit Nachhilfestunden in Mathematik für Homburger Professorentöchter, gebe ich gerne den Musikern meinen Obulus. Eine Gruppe junger Leute kommt vorbei, eine total gemischte internationale Truppe, die einen sprechen Französisch, andere Englisch oder Deutsch, einige bleiben stehen und hören zu. Ausgerechnet der Junge, den ich anspreche, spricht keine der mir geläufigen Sprachen. Dies ist sicherlich nicht ihr bevorzugter Musikstil, aber am Ende eines Stückes werfen etliche von ihnen Münzen in den Geigenkasten. Ein sonniger Sonntagmorgen, alle freuen sich. Musik verbindet über alle Sprachgrenzen hinweg.

Von den Straßenmusikanten in Hannover habe ich am 30.Mai bereits geschrieben, mit Foto, die beiden war echt gut.

Ein Erlebnis der besonderen Art hatten wir 2001 in Paris. Beim Wechsel von Metro Linie 12 zur Linie 4 am Gare Montparnasse-Bienvenue hasteten wir durch die Eingeweide des Bahnhofes und hörten auf einmal Musik, der wir uns näherten. Bei den multiplen Verzweigungen war es mehr Zufall, dass wir schließlich am Fuss einer Treppe dem Gitarristen gegenüberstanden, er spielte „Mmm, Mmm, Mmm“ von den CrashTest Dummies. Dieses „Mmm, Mmm, Mmm“ hatte schon lange vorher so melodisch und eindringlich durch die Tunnelröhren und Gänge geklungen, dass es uns wie magisch angezogen hatte. Den australischen Musiker hatten wir aber dann doch nur mehr oder weniger durch Zufall gefunden. Zuhause kaufte ich die CD von den CrashTest Dummies. Ein Jahr später waren wir wieder in Paris, und ich ließ es mir nicht nehmen, diese Stelle wieder aufzusuchen, das war natürlich eine Spinnerei: Ich fand die Stelle im Irrgarten des Metrobahnhofes, aber der Musiker war weg.

In Berlin findet man Sraßenmusikanten aus aller Welt und aller Stilrichtungen, ja so ist das in Berlin. Mich begeistert diese kunterbunte Welt. Unter den S-Bahn-Bögen in der Nähe des Hacke’schen Marktes trafen wir einen Mann mit Drehleiher. Er hatte sein altes Instrument auf einem Flohmarkt in Frankreich gekauft, hatte restauriert und gebastelt, hatte sich das Wissen um die typischen Musikstücke, das Instrument, das Spielen an sich angeeignet. Nach einer Tour de France war er quer durch Deutschland als fahrender Musiker bis nach Berlin gekommen. Auch diese Musik gefiel nicht nur uns und unseren französischen Freunden, ein jugendlicher Penner kramte aus den Taschen seiner zerschlissenen Hose ein Fünf-Cent-Stück für den Hut, sicherlich eine größere Geste der Anerkennung als mein Euro. Musik verbindet über alle Grenzen hinweg, es braucht nur offene Ohren, ohne Stöpsel oder Filter jedweder Art.

 

 

14. Juli: quatorze juillet, Fête Nationale

Heute bin ich kurz nach neun zu einer Trainingstour aufgebrochen: Richtung Bouzonville, dann weiter im Bogen nach Überherrn, und über Wadgassen zurück nach Hause: quatorze juillet, mal sehen ob in Frankreich schon was los ist. Aber klar Feiertag, erst mal ausschlafen, und etliche sind auch in Urlaub. Die ersten, die mich aus der „sonntäglichen“ Ruhe brachten, waren Motorradfahrer, denen ich wünschte, dass sie diesen Feiertag lebend überstehen, bei einem machte ich mir schon Gedanken, was von meinen Erste Hilfe Kursen noch hängengeblieben ist. Er hätte durchaus die Ackerfurchen mit seinem Blut tränken können, nicht ganz so, wie es die Marseillaise vorsieht. Ab elf Uhr gab es dann etwas mehr Bewegung auf den Straßen. Ich aber hatte mal wieder Zeit, die Gedanken schweifen zu lassen. Zumal es einige Anstiege gab mit denen ich nicht gerechnet hatte. Am Schluss 71 km mit einem Schnitt von 21,3kmh.

Mit Nationalfeiertagen habe ich so meine Probleme, meist sind sie verbunden mit Militärparaden, alles sehr martialisch. Panzer und Interkontinentalraketen in Moskau, früher auch in Berlin: Riesenaufmarsch vor Ulbricht und Honecker, oder in Paris mit an den Himmel gezeichneter Trikolore über dem Arc de Triomphe. Übrigens, der Begriff martialisch kommt vom römischen Kriegsgott Mars, ich stehe mehr auf  Venus.

Ich bin eher pazifistisch eingestellt. In der Schulzeit hatten wir noch etliche Lehrer, die dem Gedankengut des 3. Reiches nachhingen. Das war für uns, die wir nach freiem Denken und Selbstbestimmung strebten, eher Ansporn in die andere Richtung als Vorbild. Gegen alles Militärische habe ich eine Abneigung. Ich habe meinen Grundwehrdienst als Zahnarzt abgeleistet, ich habe danach den Kriegsdienst verweigert, weil mich Denkweisen und Eigenarten bei der Bundeswehr störten, und auch heute noch stören.

2005 waren wir zufällig am 8. Mai in Toulouse bei den Feierlichkeiten zum Ende des zweiten Weltkrieges, das Foto erklärt mit Sicherheit meine Sicht einer solchen Feier. IMG_1397Aber manches ergibt sich spontan: auf einmal standen wir inmitten einer Gruppe von pensionierten Offizieren, von denen einige in Deutschland stationiert gewesen waren. Sie hatten uns an der Sprache erkannt, und wir kamen in ein sehr angeregtes, unvoreingenommenes Gespräch. Amitié franco-allemande, besiegelt mit einem Glas Sekt.

Heute fahre ich durch kleine Ortschaften Teterchen, Hargarten, Falck, Merten. Auf den Ortsschildern ist auch der Name in francique,  moselfränkisch angegeben. Und darunter eine Partnergemeinde im Département Vienne in Zentralfrankreich, üblicherweise sind die Partner doch immer irgendwo im Ausland. Später geht mir ein Licht auf: diese Ortschaften an der Grenze waren zu Beginn des zweiten Weltkrieges evakuiert worden, während der Phase der „Drôle de Guerre“, das ergibt eien Sinn mit der Partnerschaft, mit einer Gemeinde, wo die Einwohner von Falck die Kriegszeit verbrachten.

Ich will den Franzosen auf keinen Fall ihren Nationalfeiertag mies machen. Ich will nur zum Nachdenken über bestimmte Rituale anregen. Glücklicherweise hat sich in den vergangenen Jahrzehnten schon einiges geändert. Der Nationalfeiertag hat sich weiter entwickelt. Er ist nicht mehr nur der Tag der Demonstration nationaler Größe, die Grande Nation, mit Atomwaffen und Kolonien. Und dazu wird die Marseillaise geschmettert, mit einem Text, der barbarischer nicht sein könnte. „Damit das unreine Blut unsere Ackerfurchen tränke“, wozu, auch in Frankreich hat die Landwirtschaft nicht mehr einen allzu großen Stellenwert im Brutooinlandsprodukt.

Wodurch definiert sich die Größe eines Staates oder einer Gesellschaft. Durch militärische Stärke? (Russland, USU, China, Nordkorea….) Durch wirtschaftliche Stärke? (USA, China, Deutschland—) Durch Humanität, Menschenrechte? (…) Durch Liberté, Égalité, Fraternité? (….)

Nationalfeiertag? Ja, warum nicht? Aber mit welchem Hintergrund? Liberté, Égalité, Fraternté! Wundervolle Gedanken, die aber auch ausgelebt und vollzogen werden müssen. Warum nicht mit einem Fest auf der Straße und mit Freunden.

In Überherrn beim Metzger ist Hochbetrieb. Auch etliche Franzosen sind unter den Kunden. Französischer Nationalfeiertag mit saarländischem Schwenker. Und an mehr als einem Tisch werden heute Abend Lothringer und Saarländer, vielleicht sogar Gäste aus der Vienne gemeinsam feiern. Stand es heute in der Saarbrücker Zeitung? Im Saarland hat man zwei Nationalfeiertage. 14. Juli und 3. Oktober. Vielleicht etwas übertrieben. Aber zumindest der Einzelhandel in Saarbrücken und Saarlouis freut sich über guten Umsatz durch Kunden aus Frankreich. Da wird wohl auch der Streik von Verdi nicht viel daran ändern, in Frankreich ist man daran gewöhnt.

Und dann gewinnt auch noch ein Franzose die heutige Touretappe in Foix, das i-Tüpfelchen zum Festtag. Mit Foix verbinde ich einen Spruch, den mir der Vater meines Brieffreundes beibrachte, der selbst Franzosen manchmal Probleme macht: Il était une fois une marchande de foie, qui vendait du foie dans la ville de Foix. Elle disait.“Ma foi! C’est la première fois et la dernière fois, que je vends du foie dans la ville de Foix!“ ich hoff auf korrekte Orthographie.

Gedanken, schnell zusammengesponnen, zehn Uhr abends, aber das war ich meinen französischen Freunden schuldig, zum 14.Juli. So ein klein wenig französisch ticke ich auch manchmal, wenn ich zum Beispiel bei einem WM-Viertelfinale in einer italienischen Kneipe „Allez les Bleus“ brülle, und der Kellner mich geschockt anschaut. Mein Kommentar: „Sono semi francese“, nach zusammengerechnet über einem Jahr  in Frankreich durchaus realistisch. Das akzeptiert der Kellner, Frankreich gewinnt das Spiel gegen Italien im Elfmeterschießen, und wird später Weltmeister.

11.Juli: Verliebt in Frankreich, Teil 4, per Anhalter

Am Samstag durchfuhr die Tour de France das französische Jura, ein Moment für angenehme Erinnerungen. Hélène war als Austauschschülerin bei Freunden in Bous zu Besuch. Da ich ganz gut Französisch sprach, fragte man mich. ob ich mich etwas um die junge Dame kümmern könne. Hélène war 17, ich war 19, sie war hübsch, sehr nett, es gab keinen Grund das Angebot auszuschlagen. Wir machten Ausflüge nach Saarbrücken, Saarlouis, besuchten abends die noch raren Szene-Kneipen. Die drei Tage vergingen leider wie im Flug, und es blieb am Ende nichts anderes, als die Adressen auszutauschen. Um so mehr freute ich mich, als ich nach einigen Wochen die Einladung zu einem Gegenbesuch erhielt. Wir vereinbarten meinen Besuch in Poligny über Sylvester.

Die Fahrt verlief wie geplant, zuerst genoss ich sie in vollen Zügen, es war Ferienzeit, über Mannheim, Freiburg, Müllheim in Baden bis Mulhouse, durch meinen Freifahrschein der DB fast umsonst. Dann ging es per Autostop weiter. Immer die Route Nationale 83 entlang, die Strassbourg mit Lyon verbindet: Belfort, Besançon, Poligny in drei Etappen ohne lange Standzeiten. Als ich am späten Nachmittag in der Hauptstraße aus dem Auto ausstieg, hatte ich erfahren, dass der Bäcker des Ortes eine hübsche Tochter mit Namen Hélène hat, was ich ohnehin schon wusste, die in einem Hotel arbeitet, und dass ihr älterer Bruder in der Filiale des Crédit Agricole tätig ist.  Nette Kommunikation während der Fahrt, Informationen ganz ohne Internet.

Hélène hatte eine eigene kleine Wohnung im Haus ihrer Eltern mit kleiner Küche, nicht nur wegen des Arbeitsrhythmus des Vaters war dies sehr zweckmäßig. Sie hatte ein Abendessen vorbereitet, obwohl wir ja eigentlich gar nicht wussten, ob ich an diesem Abend ankommen würde, und Absprache per Handy gab es auch nicht. Als Besucherin der Hotelfachschule kochte sie vorzüglich, ich hatte damals noch wenig Erfahrung mit Essenszubereitung, eher mit dem Verzehr, und ich war ausgehungert, den ganzen Tag nichts gegessen. Danach trafen wir uns mit etlichen Freunden in einer Café-Bar, es war wohl der regelmäßige Treffpunkt, ohne Absprache trifft man immer jemanden, mit dem man sich unterhalten kann. Wir quatschten, tranken, spielten Tischfußball, Billard und Flipper, ich gehörte direkt dazu. Fehlende Sprachkenntnisse waren kein Problem.

Sylvester war Großkampftag. Wir mussten leider früh aufstehen, Hélène hatte vormittags noch Dienst an der Rezeption des Hotels, in dem sie neben der Fachschule arbeitete. Währendessen trieb ich mich ein wenig im Städtchen herum, trank Muckefuck, und wartete ungeduldig. Nachmittags wieder zuhause, trudelten die ersten Freunde ein, langsam wurde mir klar, was hier abging. Jeder brachte Zutaten für das Sylvesteressen mit und mit viel Elan machten sich auch alle an die Arbeit. Das Menü war sicherlich vorher abgesprochen, denn das Chaos hielt sich in Grenzen, als zwischen sechs und acht Personen in der kleinen Wohnung wurschtelten. Ich ging zur Hand so gut ich konnte, war aber auch immer wieder Gesprächspartner für die eine und den anderen, so ein wenig Exot in diesem Freundeskreis, war sehr interessant, alle waren sehr offen, wie halt junge Leute meistens sind.

Am Abend waren wir über ein Dutzend Leute. Salat mit Meeresfrüchten, Blätterteig mit Ziegenkäse und kleinen Schinkenwürfeln, Coq au Vin, Käse, aß ich damals noch nicht, aber dann Mousse au Chocolat, das war jahrelang meine Lieblingsnachspeise, eine tolle Überraschung. Die halbe Nacht verging mit Essen, zwischen den Gängen ließen wir uns Zeit, nur keine Hektik, und irgendwann hingen alle in den Seilen, vom Essen und vom Alkohol erschlagen. Nach Hause ging niemand, das gemeinsame Katerfrühstück verlief dann auch schon wieder recht munter. Nachmittags, nachdem alle aufgebrochen waren, die Wohnung war auch schon aufgeräumt, machten wir eine kleine Wanderung in die Umgebung. Das französische Jura ist eine sehr angenehme Landschaft mit Wiesen, Weinbergen und Wäldern. Flüsse und Bäche haben tiefe Täler und Höhlen in den Kalkstein gegraben. Insgesamt eher ländlich, aber doch sehr abwechslungsreich.CIMG3564Das Foto stammt natürlich nicht von damals.

Früh am 2. Januar nahmen wir wehmütig Abschied, Hélène musste ins Lycée. Ostern sollte ich wiederkommen, eine lange Zeit. Das Anhalterfahren lief wieder wie nach Fahrplan, erstes Auto bis Besançon. Eine idyllische Strecke durch das Tal des Doubs. Ein Tipp: Hier kann man auch Hausboote mieten und über Doubs und Rhein-Rhône-Kanal schippern. Besançon-Freiburg dann in einem Stück. Es dämmerte schon, kein Wunder bei der Jahreszeit. Der Fahrer wollte mich noch zu Abendessen und Übernachtung bei sich zuhause einladen, aber ich war nicht nur an diesem Tag vollkommen anders gepolt. Mit dem Zug ging es wieder ins Saarland, ich erreichte meine Bude in Homburg kurz nach Mitternacht, vor Müdigkeit nicht einmal mehr hungrig.

Der Briefwechsel mit Hélène war intensiv und hat mich zumindest eine Zeit lang in meinen Französischkenntnissen weiter gebracht. Denn, Ende März zog sie mit einem, ihrem Freund nach Dijon. Damit waren unsere Beziehung und auch der Briefkontakt beendet. C’est la vie! Während ich schreibe, höre ich oft Musik aus längst vergangenen Zeiten, das inspiriert. An dieser Stelle passt natürlich kein Musiktitel besser als „c’est la vie“ von Emerson, Lake and Palmer aus 1977, zu finden auf Youtube.

Immerhin hatte ich meiner französischen Regionensammlung eine weitere schöne Gegend hinzugefügt, Jura-Franche-Comté, eine Ecke, die wir auch später wieder besuchten, eher etwas für Naturfreunde und Unternehmungslustige: Wandern, Radfahren, Klettern, oder wie oben erwähnt, Bootfahren, bieten sich als Freizeitaktivitäten an. Belfort, Besançon, Bourg-en-Bresse sind schöne Städte mit alten Stadtkernen. In Arbois steht das Maison de Louis Pasteur mit Museum, pasteurisierte Milch ist uns allen ein Begriff. Gutes Essen und Trinken wird auch geboten: Bresse-Hühner, Käse (Morbier, Comté), Wein aus Arbois oder der Vin Jaune, der an Sherry erinnert. Fahr mal hin!

Links: Liebe zu Frankreich 1.Teil, 2.Teil, 3.Teil

10. Juli: Leopoldo López jetzt unter Hausarrest

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Am letzten Samstagmorgen wurde Leopoldo López aus dem Militärgefängnis Ramo Verde entlassen und steht seitdem unter Hausarrest. Eine gute Nachricht. Ich freue mich mit ihm, mit seiner Ehefrau Lilian Tintori, die unermüdlich für seine Freilassung kämpfte und mit seinen beiden Kindern, die endlich ihren Papa in die Arme schließen können. Ich sehe noch das Bild vor mir, wie die drei an Leopoldos Geburtstag mit einem Kuchen in den Händen den bewaffneten Soldaten vor dem Gefängnis gegenüberstehen. Das ist schon fast drei Monate her, und ein Großteil dieser Zeit ist vergangen ohne Kontakt zur Außenwelt, in Isolationshaft.

Hausarrest ist ein Riesenfortschritt, im Vergleich zum Militärgefängnis ein goldener Käfig, aber es bleibt eine ungerechte Gefangenschaft in anderer, besserer Umgebung. Das Gerichtsverfahren gegen den Politiker war politisch motiviert, ungerecht und entsprach nicht internationalen Anforderungen. Amnesty international wird sich weiterhin für seine Rechte einsetzen und seine bedingungslose Freilassung ohne Auflagen fordern.

Dies wird auch meine Arbeit in den nächsten Wochen sein: Briefe und mails an den Botschafter in Berlin, an den venezolanischen Präsidenten und einige Minister. Ich werde mich höflich bedanken für die Entlassung aus dem Gefängnis aus humanitären Gründen. Und ich werde fordern, den Hausarrest aufzuheben, für seine Sicherheit zu sorgen.  Und ich werde hoffen, dass Leopoldo verarbeiten kann, was Schikane, Isolation, Ungewissheit während der Haft an Spuren in ihm hinterlassen haben, Wunden die nie heilen, bestenfalls vernarben.