Liebe zu Frankreich: Chanson, Ma Solitude

Kontaktsperren, Ausgehverbote, häusliche Quarantäne, geschlossene Restaurants und Cafés, es sind vollkommen neue Erfahrungen für unsere Generation und auch die Jüngeren. Es sind Zeiten der Isolation, die auch Einsamkeit hervorrufen können.

Einsamkeit? Vor gut einem Jahr las ich mehrere Bücher über Radfahren und seine Philosphie, Beschreibungen von Menschen, die bis nach Moskau oder in den Togo per Fahrrad unterwegs waren. In einem dieser Bücher veranschaulichte der Autor seine Sicht der Einsamkeit und differenzierte: Einsamkeit als ein Gefühl des Verlassenseins, des Alleinseins. Ohne Hilfe und Unterstützung da zu stehen, ist sicherlich extrem belastend. Dieser Zustand ist wohl auch meist nicht bewusst gewählt und währt per se länger als gewollt, er ist traumatisch. Es gibt aber auch eine andere Form der Einsamkeit, der Autor nannte sie Solitüde, er meint damit die freigewählte Einsamkeit, um Ruhe zu finden, zu sich selbst zu finden, zu philosophieren. Ich habe nach einer Begriffserklärung zur Solitüde im Internet gesucht, aber nichts konkretes gefunden, wobei als Suchergebnis immer wieder Schloss Solitüde ins Auge fiel, das vielleicht auch als Rückzugsort gedacht war, aber nicht um dort allein zu sein, eher ungestört.

Auf meinen Radtouren kann ich immer wieder diese Erfahrung der Soltüde machen. Ich bin mit mir allein unterwegs, die Gedanken schweifen, es gibt auch Momente der Gedankenlosigkeit mit einer Art Erwachen, mit einer Idee, die genauso schnell verschwinden kann, wie sie aufgetaucht ist, weil bedeutungslos. Sie kann jedoch auch anhaltend nachwirken. Die Situation ist absolut zwanglos. Manchmal denke ich später, dass ich um so mehr entrückt war, je mehr ich mich anstrengen musste. (Runners High?)

Wenn ich mir überlege, dass einige Personen, die in den wichtigen Religionen der Welt nicht unbedeutend sind, in der Isolation, der selbstgewählten oder auch aufgezwungenen Einsamkeit, zu „ihrer“ Erkenntnis gekommen sind. Moses war etliche Tage im Sinai unterwegs, es hatte Zoff gegeben, und er fand in der Einsamkeit die Lösung: sieben klare Gebote, wie man sich gegenüber seinen Mitmenschen zu verhalten hat. Und weil Mitmenschlichkeit allein nicht zur Vernunft reicht, setzt er drei göttliche Regeln obendrauf: das wirkte, denn sonst drohten Sanktionen von oben. Buddha wanderte als Asket sechs Jahre durch die Gangesebene auf dem Weg zur Weisheit. Auch Mohammed verbrachte Monate isoliert, um Buße zu tun, und seine Offenbarungen zu erhalten. Es scheint tatsächlich in der Solitüde recht kreative Phasen zu geben. Ich habe bisher noch keine neue Religion gegründet, meiner Meinung nach sind tausend vorhandene gerade mal tausend zu viele, die Grundidee oft vielversprechend, in der Praxis missbraucht, da halte ich mich mal lieber raus.

Aus einem früheren Beitrag geht hervor, dass ich den Chansonnier Georges Moustaki sehr schätze, und sein Chanson „Ma Solitude“ ist eines meiner Lieblingsstücke. Wer es hören möchte, hier der Link: https://www.youtube.com/watch?v=G4TBlPc18SM

Hier der Originaltext mit meiner Übersetzung und den Gedanken, die ich mir dazu mache:

Ich habe in einigen Diktionären nach der Übersetzung von „Solitude“ gesucht und fand: Einsamkeit, Abgelegenheit, Zurückgezogenheit, Abgeschiedenheit, Vereinsamung. Das bedeutet, dass diese Wort in der französischen Sprache sehr differenzierte Bedeutung hat. Ich bin überzeugt davon, dass Georges Moustaki in seinem Chanson mit der Mehrdeutigkeit des Begriffes mehr als nur gespielt hat, ich denke, er hat die Zwiespältigkeit darstellen wollen.

Pour avoir si souvent dormi

Avec ma solitude

Je m’en suis fait presqu’une amie

Une douce habitude

Nachdem ich so oft mit meiner Einsamkeit schlief, ist sie mir fast zur Freundin geworden, zur zarten Gewohnheit

Vielleicht legt hier zu Beginn des Chansons eine leichte Warnung vor Vereinsamung

Ell’ne me quitte pas d’un pas

Fidèle comme une ombre

Elle m’a suivie ça et lá

Aux quatre coins du monde

Sie weicht mir nicht von der Seite, anhänglich wie ein Schatten, sie ist mir überallhin gefolgt, bis zu den Enden der Welt

Auf dich allein gestellt, kannst du zu den Enden der Welt reisen, ohne jede Verpflichtung, das klingt dann schon positiver

Non, je ne suis jamais seul

Avec ma solitude

Nein ich bin nie allein, in meiner Abgeschiedenheit

Quand elle est au creux de mon lit

Elle prend toute la place

Et nous passons de longues nuits

Tous les deux face à face

Je ne sais vraiment pas jusqu’oú

Ira cette complice

Faudra-t-il que j’y prenne goût

Ou que je réagisse?

Wenn sie in der Kuhle meines Bettes liegt, raubt sie mir den Platz, und wir verbringen lange Nächte, von Angesicht zu Angesicht

Ich weiß wahrhaftig nicht, wie weit diese Komplizin gehen will, soll ich Gefallen an ihr finden, oder muss ich mich wehren?

Hier bringt Moustaki die Ambivalenz des Wortes Solitude intensiv: eine Art Geborgenheit in der Abgeschiedenheit des kuscheligen Bettes. Dem steht gegenüber, allein in einem Bett zu liegen, einsam.

Den Reim in dieser vorangegangenen Strophe finde ich genial. Moustaki beherrscht die französische Sprache perfekt. Nicht zufälligig hat er für Edith Piaf, Juliette Gréco, Yves Montand, Barbara, Dalida u.a. Texte geschrieben. Geboren in Ägypten als Sohn griechischer Exilanten sprach er Italienisch, Arabisch, Französisch und Englisch, Sprachtalent sicherlich vorhanden, als Jugendlicher besuchte er das Lycée Français in Alexandria.

Non, je ne suis jamais seul

Avec ma solitude

Nein,ich bin nie allein, in meiner Einsamkeit

Par elle, j’ai autant appris

Que j’ai versé des larmes

Si parfois je la répudie

Jamais elle ne désarme

Durch sie habe ich so viel gelernt, dass ich Tränen vergossen habe, und wenn ich sie manchmal verstoßen habe, hat sie niemals aufgegeben

Et si je préfère l’amour

D’une autre courtisane

Elle sera à mon dernier jour

Ma dernière compagne

Und wenn ich die Zuneigung einer anderen Liebhaberin vorziehe, wird sie an meinem letzten Tag meine letzte Gefährtin sein

Non, je ne suis jamais seul

Avec ma solitude

Non, je ne suis jamais seul

Avec ma solitude

Nein ich bin nie allein, in meiner Einsamkeit, nein ich bin nie allein, in meiner Abgeschiedenheit

Georges Moustaki ist 2013 im Alter von 79 Jahren gestorben. Er starb an einer Lungenkrankheit, die ihn schon seit Jahren plagte. Er hatte auch im Alter noch viele Freunde. Seinen letzten Weg ging er jedoch“seul, avec sa solitude“ und vermutlich in Begleitung eines Beatmungsgerätes. Beigesetzt ist er in Paris auf dem Friedhof Père Lachaise in einer Familiengruft.

Gedankensprünge: Für Freiheit kämpfen

tituliert sich mein Blog. Es geht nicht nur um eigene Freiheit, die ich aber durchaus mit einschließe. Es geht auch um die Freiheit von einzelnen und Millionen in aller Welt. Klingt nach Pathos, nein es ist sehr simpel und naheliegend.

Beim letzten Ausflug trug ich diese Prinzessin über die Straße, lebensrettende Maßnahme!

Wir sind alle zur Zeit eingeschränkt in unserer Bewegungsfreiheit, in unseren Kontakten zu Freunden, Verwandten. Ich sehe es als Notwendigkeit, zum eigenen Schutz und dem anderer. Manche sehen es als unnötige Drangsalierung. Einige wenige unterstellen eine Zwangsmaßnahme der Regierung , erstaunlicherweise kommt dieser Vorwurf eher aus Kreisen, die sonst den starken Staat fordern.

Die Reise nach Wien vor vier Wochen, ein Geburtstagsgeschenk, war gebucht, konnte kostenneutral storniert werden. Das Osteressen im Familienkreis konnte nicht stattfinden, wurde durch Telefonate und ein Abendessen mit Laptop-Kontakt nach Berlin ersetzt, drei Stunden lang. unkonventionell , dennoch sehr kommunikativ. Ein Osterhase aus der Nachbarschaft legte selbstgefärbte Eier vor die Tür. Die Verleihung des Menschenrechtspreises am 22. April durch Amnesty international in Berlin ist verschoben. Die Preisträger, die Crew des Schiffes IUVENTA 10, warten auf eine Gerichtsverhandlung in Italien, die Verschiebung der Preisverleihung werden sie verkraften, sie kennen schlimmere Ereignisse oder Prüfungen, Herausforderungen. Was bedeutet im Gegensatz hierzu mein Abwarten auf eine verschobene Veranstaltung? Anfang Mai wollten wir meine „zweite Mutter“ Jeanine in der Normandie besuchen, die Mutter meines Brieffreundes aus der Jugendzeit. An Ostern sprach ich mit ihr am Telefon, nach allen Ausgangsbeschränkungen wird wohl unser erster Ausflug dorthin führen, vielleicht im Herbst.. Das Essen mit meinen Studienkollegen ist auf unbestimmt verschoben. Ich empfinde diese Einschränkungen für mich als nicht gravierend, denn ich kann im Garten

arbeiten, einkaufen gehen, wenn auch nicht alles, Rad fahren, wandern. Ich führe Gespräche mit den Nachbarn, natürlich auf Distanz.

Dank dieser Einschränkungen der letzten Wochen haben wir es immerhin in den meisten Ländern Europas geschafft, die Neuinfektionen auf ein erträgliches Maß zu senken. Wir sind in Deutschland glücklicherweise nicht in die Situation gekommen, und ich glaube, es wird dabei bleiben, dass in den Krankenhäusern überlegt und auch entschieden werden musste, wer ein Intensivbett oder ein Beatmungsgerät bekommt. Es stimmt sicherlich, dass manche PathologInnen bei ihren Untersuchungen herausgefunden haben, dass die Verstorbenen auch ohne Corona Infektion ihrem Tod schon sehr nahe standen. Der Arzt, die Ärztin auf der Intensivstation hat eine andere Sicht, hier geht es darum, Leben zu erhalten, ohne auszuwählen, hier sollte jeder Mensch gleich sein. Sollen ÄrztInnen, VerwaltungsbeamtInnen entscheiden, wer noch die Aussicht auf ein längeres Leben hat. In Frankreich gab es schon den Beschluss, über 80jährige nicht mehr intensiv zu versorgen, eine Entscheidung aus der Not, weil die Resourcen erschöpft waren.

In meinen jungen Jahren während meines Studiums habe ich mehrmals die Möglichkeit genutzt, mir mit Sitzwachen auf Intensivstationen ein gutes Taschengeld zu verdienen. Je nach Klinik gab es für 8 bis 10 Stunden 80 bis 120 Mark, das konnte ich gut brauchen, ein Mal pro Monat oder dreimal während der Osterferien oder auch mal eine Woche lang, das brachte etwas Spielraum ins Budget. Ich habe den Alltag auf solchen Stationen miterlebt. Der Alltag ist nicht einfach, das schweißt schnell zusammen, bei der zweiten, dritten Nachtschicht war man schon wie ein alter Bekannter angenommen. Meist verlief eine solche Nacht oder eine Frühschicht relativ eintönig, manchmal langweilig mit acht Stunden vor einem Monitor neben einem klackerndem Beatmungsgerät, im

Beatmungsgerät von Bird, damals Standard

Kampf gegen das Einschlafen. Dann war man schon mal richtig froh, wenn die Ärztin, der Arzt im Hintergrund in seinem Bereitschaftszimmer keinen Schlaf fand und zum Gespräch herüberkam. Ansonsten hieß es Infusionen wechseln, Medikamente verabreichen und bei Kehlkopfoperierten durch die Atemkanüle im Hals Schleim abzusaugen, wenn man merkte, dass die Atmung schlechter ablief, Husten und Atemnot zu Verkrampfungen führten.

An einem Vormittag zeigte der Monitor einer alten Dame kurz Rhythmusstörungen, dann Herzstillstand. Die diensthabende Ärztin, eine Pflegerin, ein Pfleger waren binnen Sekunden im Zimmer, die Ärztin brüllte ihre Anweisungen, eine Holzplatte wurde ins Bett geschoben, die Ärztin begann sofort mit der Herzmassage, der Pfleger rollte den Defibrillator ins Zimmer. Ich war wohl etwas langsam im Aufziehen einer Spritze, bekam lautstark meinen Anschiss. Beim dritten Elektroschock setzte der Herzschlag dauerhaft wieder ein. Nach gut einer halben Stunde war die Aktion ziemlich überstanden, wir saßen noch lange stumm, verschwitzt, gestresst, angespannt im Zimmer der Patientin. Stunden später trank ich einen Kaffee im Aufenthaltsraum, die Ärztin kam hinzu, schenkte sich eine Tasse ein, legte mir den Arm um die Schulter. „Entschuldige, dass ich dich vorhin so angebrüllt habe, aber diese Frau ist „Oma“, in ihrer Kneipe war ich oft als Studentin, sie war immer wie eine Mutter zu mir.“ Florine war damals um die fünfzig, war Haitianerin, war von allen geschätzt wegen ihrer herzlichen, ehrlichen, manchmal auch direkten Art. Zwei Tage später brachte sie Süßkartoffelsuppe zum Mittagessen für alle, sauscharf, aber echt lecker. Wir haben uns alle blendend verstanden.

Trotz fürsorglicher Pflege, technischem, medizinischem Aufwand mussten wir uns im Kampf gegen Krankheit und Alter manchmal geschlagen geben. Es sind furchtbare Momente, das Bett mit einem Verstorbenen in den Kühlraum zu fahren oder Angehörige zum letzten Abschied in den kleinen Besinnungsraum zu führen. Alle ÄrztInnen und PflegerInnen standen zuerst einmal sprachlos beim Schichtwechsel vor dem leeren Zimmer. Die Schichtübergabe war dann wie eine Erklärung: Wie konnte das passieren, was oft schon lange absehbar war, gegen eine Übermacht gekämpft und doch verloren.

Hier will ich zum Beginn meines Essays zurückkehren. Wir sind alle einerseits mehr oder weniger unfrei geworden durch die Maßnahmen gegen die Ausbreitung der Pandemie. Die letzten Wochen haben aber auch gezeigt, dass wir dadurch die Infektionsrate auf einem erträglichen Maß gehalten haben. So hatten unsere Mitarbeiter im medizinischen Sektor die Freiheit, ihre Arbeit nach eigenem Gewissen zu erledigen, nicht eingeschränkt zu sein durch Engpässe im Intensivbereich und schlimmstenfalls, die Entscheidung über Leben und Tod treffen zu müssen. In der Intensivmedizin geht es darum Leben zu erhalten, egal ob alt, jung, männlich, weiblich, RaucherIn oder NichtraucherIn, wohlhabend oder arm.. Der Pathologe kämpft nicht mehr, zynisch gesagt, vielleicht nur noch mit dem erhöhten Arbeitsanfall, er sammelt seine Befunde, er sieht nicht mehr den um Sauerstoff ringenden Menschen. Auch viele unter uns erkennen nicht den Sinn von Kontakteinschränkungen. Aber ganz einfach gesagt: x% Prozent weniger Kontakte bringen x% geringere Infektionswahrscheinlichkeit. Das Treffen mit Freunden, die klammheimliche Geburtstagsfeier tragen ein Quäntchen dazu bei, dass irgendeine „Oma“ in der Intensivstation landet. Konsequenz ist auch, dass wir auf weniger „Wichtiges“,Vermeidbares verzichten, damit in wichtigen Bereichen früher Lockerungen zu verantworten sind. Dies muss mit Augenmaß, mit Sicherheitsabstand geschehen. Über Wichtig, Vermeidbar kann man natürlich trefflich streiten. Die Infektionszahlen und Sterberaten werden uns den vertretbaren Weg zeigen.

Seit über 40 Jahren spiele ich mit alten Freunden regelmässig Skat, seit ein paar Wochen ist Pause. Einer meiner Mitspieler leidet an COPD, für ihn ist die Kontaktsperre vielleicht lebenserhaltend. Falls er infiziert wird, hat er schlechte Karten. Und falls dann alle Intensivbetten belegt sind, kann er passen bevor die nächste Skatrunde angesagt ist.

Also geniessen wir zur Zeit die Zeit im Freien, mal ohne Biergarten oder Picknick. Wir freuen uns am Kochen, das erfordert manchmal auch etwas Experimentierfreudigkeit. Vieles kann man improvisieren, manch neue Idee wurde geboren. Und wir sollten nicht vergessen, anderen zu helfen, die zu unterstützen, denen es im Moment nicht so gut geht, die massiv eingeschränkt sind. Manchmal hilft schon ein nettes aufmunterndes Wort. Es kann aber auch ein Gutschein des Lieblingsrestaurants sein, oder eines Kinos, der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Die Gedanken sind frei, auch in Zeiten von Kontaktbeschränkungen!

Saargau und Saartal

Es ist ein absolut schönes Frühlingswetter, am Morgen noch recht kühl, aber nachmittags ideal zum Radfahren, ich habe schon darauf gewartet. Jedoch ist in diesen Tagen alles etwas anders: ich wäre normalerweise auf dem kürzesten Weg nach Lothringen gefahren, auf kleinen Straßen über Land zurück nach Deutschland. Heute sind die offiziellen Grenzübergänge gesperrt, ich kännte Möglichkeiten, würde mit Sicherheit auch niemanden gefährden, aber was soll das? Regeln überschreiten just for fun, das muss nicht sein. Ich würde es billigen bei einem Pendler, der zu seinem Arbeitsplatz in Saarlouis einen deutlichen Umweg fahren muss. Ich fahre weiter diesseits der Grenze, etliche Kilometer direkt auf dieser Linie, die 1815 auf dem Wiener Kongress festgelegt und erst 15 Jahre später klar definiert wurde, 1871 wieder weg, 1918 aktualisiert, 1940 annuliert, 1945 wieder an dieser Stelle installiert.

Und wir waren glücklich zu erleben, dass diese Grenze irgendwann nicht mehr existierte. Meine Generation kennt noch den Verlauf, sieht alte Zollhäuser, die anderen Zwecken dienen, erkennt die Wohnblocks, wo früher Grenzer mit ihren Familien wohnten, oder erinnert sich an alte, erzählte Geschichten über Schmuggel: Nahrungsmittel, Alkohol, Kaffee; in jungen Jahren habe ich auch mal geraucht…

Die erste Steigung vom Saartal hoch auf den Saargau habe ich gut geschafft. Der Landschaft hier oben kann ich von Mal zu Mal mehr abgewinnen, im Wandel der Jahreszeiten, oder dadurch, dass ich inzwischen die kleinen Veränderungen bewusster wahrnehme. Vor allem genieße ich immer wieder die

Aussicht über die weite Landschaft ins Lothringer Stufenland, hier kann man vom Fliegen träumen umd beneidet den Milan, dessen Schatten drei Meter vor dem Fahrrad den Weg kreuzt, ich bremse unwillkürlich, um dann wie wild in die Pedale zu treten. Ich hebe nicht ab, nur in Gedanken bin ich an der Marne, am Lac de Der, in Clermont en Argonne.

Das zu dieser Jahreszeit frische Grün der Wiesen und Felder mit den ersten Blüten dazwischen, Wiesenschaumkraut, Gänseblümchen, Schlüsselblumen, Löwenzahn, blühender Weissdorn, Kirschbäume, sind eine Augenweide, will sagen, es tut einfach gut. Das Radeln auf dem Höhenzug, mit ordentlichem Auf und Ab, fällt überhaupt nicht schwer, man könnte vergessen, dass noch ein Rückweg zu bewältigen ist. Da ich hier in den letzten Jahren etliche Male unterwegs war, habe ich mich der Form entsprechend eingeteilt. Also runter ins Tal der Saar: Nähe Saarschleife

Jetzt heißt es nur noch pedalieren. Bei diesem schönen Wetter sind etliche Freizeitfahrer und Familien unterwegs, es freut mich, dass viele Menschen die verordnete Freizeit nutzen, um etwas für die körperliche, geistige und soziale Gesundheit zu tun. Trügt mich der Eindruck, dass viele sehr entspannt wirken?

Nilgänse in den Saarauen

Nach gut 50 Kilometern wieder vorbei an der heimischen Siersburg, es waren drei tolle Stunden, nachahmenswert. Diese Strecke bin ich mit Varianten in den letzten Jahren mindestens zehn Mal gefahren, immer wieder anders und immer wieder schön. Es scheint, dass ich hier zu Hause bin.

Nachtrag nach der nächsten Runde, zwei Tage später: im geteilten Dorf Leidingen zieht sich kein Flatterband über die Neutrale Straße, Rue de la Frontière; ich wäre entsetzt gewesen. Es ist so ruhig, fast verlassen wie immer, im letzten Winkel Frankreichs oder Deutschlands, man könnte denken: Sie sind dort unter sich.

Auf den Obstwiesen des Saargaus reift einiges an Früchten, ein Teil wird verzehrt, der größere Rest, vor allem der weniger leckere, wurde früher vergoren und gebrannt, haltbar gemacht, Gauwhisky wurde der Hochprozentige genannt. Er gehörte zeitweise für die Landarbeiter zur Tageskost. Inzwischen sind auch die Landbewohner anspruchsvoller geworden: es werden Edelobstbrände hergestellt: Pflaume, Birne, Apfel, Himbeergeist, Kirsch, Marillen, Mispel und manch anderes. Aber in diesen besonderen Zeiten besinnt man sich auch wieder ganz simpel auf die desinfizierende Wirkung von C2H5OH, Weingeist, der Gauwhisky hat einen besseren Sinn bekommen. „Neu“, wie auf dem Schild, ist das Angebot, jedoch nicht das Produkt. Für Liebhaber von Hoch%igem ist die Brennerei Monter schon seit langer Zeit eine Empfehlung, jetzt auch für Gesundheitsbewusste.

Gedankensprünge: In Zeiten von Corona

Grenzschutz

Ein französischer Grenzstein von 1830 unter zwei Sandsteinplatten, gegenüber steht der preußische Stein neben einer Bank.

Mehrmals in den letzten Jahren habe ich über die Grenze vor unserer Haustür geschrieben, eine Grenze, die glücklicherweise kaum noch wahrnehmbar ist, die nur noch für Frühgeborene, aus der Erinnerung, erkennbar ist. Da steht noch ein Zollhaus, inzwischen anders genutzt, hier ändert sich der Straßenbelag oder ich sehe es am Design des Verkehrsschildes. Im Umfeld meines Wohnortes nahe der französischen Grenze weiß ich meist metergenau ob ich mich in Frankreich oder Deutschland befinde. Ich weiß aber auch, dass der eine oder andere Streifen Land oft mehrmals hüben und drüben lag, oder wie man auf saarländisch sagt: hierzuus oder dozuus.

Es tut mir innerlich weh zu sehen, dass wieder Grenzschützer Menschen am Überqueren dieser eigentlich unsichtbaren Grenze hindern. Ich sehe selbstverständlich die Notwendigkeit, diese Epidemie so weit als möglich zu begrenzen, und dazu gehören Einschränkung der persönlichen Kontakte in allen Bereichen und auch Begrenzung der Bewegungsfreiheit. Aber während hier in dieser Grenzregion Pendler in ihrer Berufsausübung eingeschränkt wurden, flogen oder fuhren andere in Urlaub, wer weiß wohin. Es ärgert mich auch, wenn medizinische Produkte nicht in andere europäische Länder exportiert werden sollen, das ist nicht gerade solidarisch. Na ja, hoffentlich kaufen sie nach der Krise wieder deutsche Autos.

Kurios zu lesen, am Freitag in der Saarbrücker Zeitung, über das geteilte Dorf Leidingen, ich hatte mir am Donnerstag überlegt, wie es dort wohl aussieht, Ausgangssperre in Frankreich, in Deutschland noch nicht. Wie sieht es an der deutsch-polnischen Grenze aus, Frankfurt-Slubiçe, dem Zielort meiner Radtour im letzten Jahr?

Aber bitte mit zwei Metern Mindestabstand.

Radfahren ist auch in Zeiten von Corona gut möglich, solange man nicht im Pulk fährt, und Windschattenfahren nicht bei hustendem Vordermann. Ich habe vorgestern die Route zu den Steinen an der Grenze gewählt, wegen der Aussicht auf den Höhen des Saargaus. Es sind zwar nur 43 km, trotzdem spüre ich am Ende die Beine, Trainingsdefizit, aber ich fühle mich wunderbar.

Unterwegs macht man sich dann auf einmal Gedanken ums Klopapier, nein es war kein plötzlicher Stuhldrang, eher eine Kopfgeburt. Wir lagern in einem Schrank im Keller zwischen vier und einer Packung zu je zwölf Rollen, es ist Platz da. Wenn die letzte Packung angebrochen wird, notiere ich „Klopapier“ auf dem Einkaufszettel. Beim nächsten Einkauf besorge ich dann wieder drei Packungen. Ich muss gestehen, als ich vor zwei Wochen wieder Nachschub besorgen wollte, habe ich nur zwei gekauft, ich wollte nicht als Hamsterer gesehen werden, wäre vor drei Monaten kein Problem gewesen. Beim Kurbeln auf dem Saargau gehen die Gedanken dann weiter: Wie viel Vorrat hat der Durchschnittshaushalt? Wie sieht es in den Märkten aus, wenn innert einer Woche 50% der Haushalte statt einer Packung auf einmal zwei Packungen zurücklegen? Dann ist der Nachbestellalgorythmus ordentlich durcheinandergebracht, weil das was monatelang als notwendig galt, auf einmal nicht mehr stimmt. Vielleicht müssen die Supermärkte in ein paar Wochen Zelte anmieten um überschüssig geliefertes Papier zu lagern, der Algorythmus hats bestellt, dies könnte dann zur Kettenreaktion führen, dass die Zeltprodution in die Höhe schnellt. An der türkisch-griechischen Grenze kann man übrigens Zelte und Klopapier brauchen, und vieles mehr. Man verzeihe mir den Sarkasmus, der sich immer wieder in mir breit macht, wenn ich „unsere Probleme“ und Probleme nebeneinander sehe. Vielleicht kommt dort in Lesbos oder am Evros auch ein Quäntchen Menschlichkeit an, die man, so ist meine Hoffnung, in Europa wieder lernt.

Der Anstrich des Gartenhauses zur Wetterseite ist seit letztem Jahr erneuerungsbedürftig. Am Freitag, Sonnenschein, Sonnenschutz auf die Glatze,und raus an die Arbeit. Ich trage Mundschutz beim Abschleifen wie in alten Zeiten, nicht wegen einer Infektionsgefahr. Die Grundierung bringe ich am Nachmittag noch auf. Am Abend spüre ich die Muskeln im Schultergürtel, ich habe mein Tagessoll erfüllt, der Anstrich hat noch ein paar Tage Zeit.

In einer schattigen Ecke des Gartens habe ich vor etlichen Jahren Bärlauch gepflanzt. Jetzt ernte ich einige Büschel, wasche und schneide die Blätter in Streifen. Idealerweise würde man diese jetzt mit grobem Salz im Mörser zerreiben, fürs Aroma förderlich, ich werfe sie in den Mixer, füge Pfeffer, Peperoncini, Salz, Olivenöl, geriebenen Parmesan hinzu, mixe bei geringer Drehzahl. Abschmecken, fertig!

Nachdem ich zwei kleine Gläschen mit den Bärlauchpesto gefüllt habe, bleibt ein Rest im Mixer. Ich weiche eine halbe Tasse schwarze Bohnen über Nacht in Wasser ein und koche sie am nächsten Morgen. Mit einer angedünsteten Schalotte zum Rest im Mixer, Olivenöl, Kreuzkümmel, etwas Senf, alles wird püriert. Da die Farbe des Ergebnisses mich wieder an meinen Toilettenpapiereinkauf erinnert, füge ich Tomatenmark hinzu, passt jetzt: ein würziger veganer Brotaufstrich.

Selbst als Ruheständler habe ich in diesen Zeiten das Gefühl mehr Zeit zur Verfügung zu haben, das kann eigentlich nur täuschen. Auf meiner Radtour über den Saargau freut es mich besonders zu sehen, dass an einem Donnerstagnachmittag junge Paare mit ihren Kindern unterwegs sind. Sie nutzen die verordnete zusätzliche Freizeit für mehr Familienleben. Ein kleines Mädchen klettert mit der Hilfe des Vaters auf die Sandsteinplatten über dem alten Grenzstein und rutscht wieder herunter. Sie hangelt sich hoch an einem Obstbaum gegenüber, während die Eltern weiterwandern. Als ich aufs Fahrrad steige, um weiter zu fahren, rennt sie los. Ich rufe ihr zu. „Du rechts, ich links!“ So machen wir ein Wettrennen über rund 100 Meter bis zu den Eltern. Zum Abschied verfolgt mich ein langgezogenes munteres „Tschüüüüüüß“ .

Gastarbeiter: zum Film Almanya-willkommen in Deutschland

„Gast“arbeiter, ein schöner Begriff für die Menschen, die nach Deutschland kommen durften, um hier die Drecksarbeiten zu erledigen. Schon während meiner Schulzeit hatte ich von Missständen bei der Unterbringung, den Arbeitsbedingungen, den Lebensbedingungen dieser Menschen gehört, lange bevor Günter Wallraff, „Ganz unten“ geschrieben hatte. Sie waren erforderlich für das Wirtschaftswunder und hatten großen Anteil am Gelingen. Dass mit den Arbeitskräften auch Menschen kamen, übersah man nur zu gerne.

Persönlich kennen lernte ich Gastarbeiter während meiner Semesterferien als Hilfsarbeiter im Hüttenwerk. Die meisten stammten zu dieser Zeit aus Anatolien. So erfuhr ich persönlich etwas über ihre Lebensumstände. Ich muss sagen, dass es schon sehr beschämend war, zu sehen, wie viele von ihnen ausgenutzt wurden mit überzogenen Mieten für kleine Zimmer, in denen mehrere Männer sich im Schichtbetrieb die Betten teilten. Umgekehrt waren sie trotzdem froh, dass sie mit dem hier verdienten Geld ihre Familien in der Türkei unterstützen konnten. Und nicht alle wurden schlecht behandelt.

Während einer Schicht von acht Stunden gab es genügend Zeit sich zu unterhalten. So lernte ich auch einige türkische Wörter, zB. die Zahlen und Grundnahrungsmittel, Begrüßungsfloskeln usw. Wir jungen Studenten hatten den intensivsten Kontakt zu den „Gästen“, wir waren unbefangen, ausserdem standen wir in der Arbeiterhierarchie ähnlich weit unten. Ein schönes Detail ist mir besonders in Erinnerung geblieben: „unsere“ Türken aßen in den Pausen immer auch frische Tomaten, Gemüsegurkenstücke, Paprika, man lernt dazu.

Als ich einige Jahre später selbst mit Freunden die Türkei durchkreuzte, war ich sehr froh, dass diejenigen, die aus Deutschland in ihre Heimat zurückgekehrt waren, unser Land in guter Erinnerung behalten hatten, da war ich vorher eher skeptisch. Wir wurden überall ausgesprochen freundlich empfangen, zum Tee eingeladen, bewirtet. Zu dieser Zeit hat wohl kaum ein Deutscher einen Türken aus der Nachbarschaft zum Kaffee eingeladen? Auch ich habe dies erst viel später nachgeholt.

Einige wenige persönliche Eindrücke, mit Sicherheit nicht absolut representativ, aber echt.

Am Montagabend auf ARTE, wird der Film Almanya gezeigt. Ich finde ihn sehr gelungen. Bei allem ernsten Hintergrund gibt es auch viel zu lachen.

Winterpause

Die eine oder der andere wird sich schon gefragt haben, ob ich das Schreiben aufgegeben habe. Es war eine Pause. Wobei ich zu meiner Entschuldigung vorbringen muss, dass ich in der Zwischenzeit nicht untätig war. Meine Spendenaktion für Amnesty International hat perfekt geklappt, meine Unterstützer; „Wasserträger“, waren eine wundervolle Unterstützung, nochmals vielen Dank. Soweit möglich habe ich mich persönlich, meist per Fahrrad, vor Ort bedankt, natürlich nicht am Bodensee oder in Kassel.

Ich darf euch gestehen, dass die Schreiberei nicht ohne Anstrengung verläuft, das braucht schon Zeit, und in manchen Fällen muss ich auch recherchieren. Stimmt das mit dem Sonnenaufgang in Paris zu dieser Uhrzeit? Oder verwechsele ich zwei Aufenthalte in der Seinemetropole? Meist ist mein Gedächtnis noch ganz gut, vor allem was die Geografie und Gegebenheiten angeht, Daten muss ich kontrollieren. Während meiner Tour im Sommer war das Schreiben besonders anstrengend, vielleicht war gerade deshalb eine Pause notwendig. Es ist mir im Nachhinein erst richtig bewusst geworden, dass ich abends richtig fertig war. Wenn ich meine Texte im Nachhinein wieder lese, die Rechtschreibfehler bemerke, und mich sehe, wie ich auf ein Abendessen wartete oder im Bett lag gegen elf Uhr abends oder morgens um sechs, und schrieb auf der Minitastatur des Smarties, mit dicken Fingerkuppen immer wieder zwei Buchstaben erwischend, das war schon hart.

Ihr merkt aber auch, dass es mir Freude bereitet hat: Ja, es war ein irres Erlebnis. Es ist durchaus vergleichbar mit der Perureise, die ich letztes Jahr beschrieben habe. Ich bin mir sicher, es sind die Unwägbarkeiten, die diese Abenteuer ausmachen, die sie in der Erinnerung einprägen. Jeden Morgen, jede Stunde am Tag die Frage, wie es weiter geht. Andererseits verläuft alles in geordneten Verhältnissen, risikolos, zumindest nicht mehr Gesundheitsrisiko als bei einem üppigen Abendessen in einem Hotel. Nur unberechenbar, nicht nur beim Essen.

Anfang Januar, in Leicks Hof, durfte ich mein Projekt vom letzten Jahr mit Vortrag und Lesung aus diesem Blog vorstellen. Auch dies war eine neue Erfahrung für mich, erforderte Vorbereitung: Texte auswählen und anpassen, zeitliche Abstimmung, Fotos zum Vortrag, Vorlesen üben, Informationen über amnesty zusammenschreiben, Überleitungen formulieren, damit das ganze auch etwas lebendig wird. Schließlich will ich meine Begeisterung fürs Radfahren und für die Menschenrechte ja irgendwie auch rüberbringen. Denn es soll, wenn möglich, an Spenden noch etwas hinzukommen. Es hat gut geklappt. Nach einigen Kommentaren wage ich zu behaupten, dass die Zuhörer zufrieden waren. Nach der Veranstaltung schauten Eckhard und ich zufrieden in den Spendenhut und genehmigten uns einen Wein bzw. ein Pils.

Heute Nacht ist meine Aktion für //www.amnesty-in-bewegung.de/projekt/2020/1000-km-fuer-die-menschenrechte zu Ende gegangen. Die Gesamtspendensumme beträgt € 11.111. Ihr könnt euch ausrechnen, wieso und wie es gerade dieser Betrag wurde, es sollte halt passen. Und wenn jetzt noch jemand nachlegen möchte, dann aber bitte so, dass sich wieder eine besondere Zahl ergibt-nächsthöhere Quadratzahl oder Primzahl, oder schöner: Palindromzahl, der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

1000 km, Momente, die erschaudern lassen

Schauer habe ich auf meiner Tour mehrere erlebt. Den ersten am vierten Tag kurz hinter Wertheim, er löste auf angenehme Art die lange Hitzeperiode ab. Ein Gewitterschauer beendete meine Etappe in Bayreuth. Die tschechische Grenze überquerte ich im Regen und wartete im Unterstand der Aldi-Rollis auf Besserung. Meinen Sturz in Leipzig beendete ich auf regennassem Boden. In Herzberg ging ich klitschnass zum Essen. Am vorletzten Abend 25 km oder eine Stunde vor Beeskow ließ ich einen Gewitterschauer rechts liegen, der andere vor mir zog gerade noch weg, bevor das Buffet im Hotelhof aufgebaut wurde. Und ich beendete einen Tag später meine Tour an der Stadtgrenze von Berlin im Gewitter. Eigentlich hatte ich im Großen und Ganzen gutes Wetter.

Zittern im Schatten bei 39 Grad.

Auf der Fähre über den Rhein bei Gernsheim überfiel mich ein unangenehmer Schauder nach 98 Kilometern, die letzten 50 davon war ich in glühender Hitze gefahren. Vom Fahrrad abgestiegen im Bauch des Schiffes zitterten mir die Beine, die Kassiererin musterte mich mit fragendem Blick. Ich versuchte cool zu bleiben bei knapp 40°C. Die Rheinebene ware nicht so eben gewesen wie erwartet, doch noch einige kurze Anstiege, die mich bei dieser Temperatur wirklich forderten. Ich hatte auf Flüssigkeitszufuhr geachtet, aber wenig gegessen, ein regelrechter Hungerast hatte mich überfallen, rund 10 Kilometer hatte ich schon gekämpft, um voran zu kommen. Jetzt halfen nur eine richtige Pause und Glukosezufuhr um diesen Schauder zu überwinden. Eine halbe Stunde mit zwei großen Radlern und Blick auf den Rhein ermöglichten noch die letzten 22 Tageskilometer. Zwei Weizenbier beim Abendessen ergänzten meine getrunkene Tagesmenge auf über neun Liter. Am nächsten Morgen wunderte ich mich, dass ich nachts nicht auf der Toilette war, nach dem üppigen Schlaftrunk: offensichtlich war die Bilanz immer noch negativ gewesen, ich hatte das leere Depot aufgefüllt. Und ich hatte gelernt, wieviel zu trinken und zu essen war.

Auf dem Schneeberg, die halbe Pflichtstrecke hatte ich hinter mir. Ich wollte an diesem Morgen Höhenmeter ergattern. Bei diesigem Wetter, aber bei ausreichender Sichtweite den Berg hoch, 25 Kilometer Anfahrt bei mäßiger Steigung zum Warmfahren. Dann eine ewig lange Gerade bergauf, 10-14%, schwitzend, Jacke offen, mit klammen Fingern. Endlich die Kurve, nein, doch nicht die letzte, es folgte noch ein langer steiler Bogen. Ich erreichte den Gipfel, 1051 Meter hoch, der höchste Punkt der ganzen Fahrt. Der Schneeberg war irgendwie auch so ein Traumzwischenziel. Ich hatte ihn erreicht. Als ich meine Brote aß, die ich mir beim Frühstück belegt hatte, trockenes Brot mit Schinken, übersteht auch einen heißen Tag, wenn man es nicht vorher verschlingt, lief mir ein Schauer über den Rücken. Es waren nicht Kälte und Nebel. Es war das Gefühl, dass mich nichts aufhalten konnte, dass ich unschlagbar, unkaputtbar sei, wie die Reifen meines Fahrrades. Als das junge Paar mit Mountainbikes recht zügig auf einer Piste heraufgefahren kam, schaute ich auf ihre Räder: E-Mountainbikes. Jetzt war mir klar: ich war hier der Schneekönig. Während der Abfahrt schob ich das „Unkaputtbar“ dann schnell beiseite, bei aller Verrücktheit, in diesem Falle Entrücktheit, sollte doch noch ein Quäntchen Vernunft walten. Die physikalischen Gesetze sind gnadenlos. Kurz gesagt: Nach der Euphorie bin ich verhältnismäßig langsam den Berg runter, nicht übert 40, und habe erst im Tal wieder richtig Gas gegeben.

Richtig schaurig wurde mir zwei Tage später in Leipzig. Ein Nieselregen hatte eingesetzt, mal Niesel, mal Regen. Ich hatte mich arrangiert, es war nicht kalt, aber auch nicht angenehm. Auf der Suche nach dem Radring um die Stadt, schaute ich immer wieder vergeblich zur Karte und nach Radwegweisern, wollte an einer Bushaltestelle weiterfragen. Unachtsam, vielleicht war auch der Boden rutschig beim ersten Regen nach langer Trockenheit, Staub, Feinstaub, Gummiabrieb, wahrscheinlich war ich auch nur ungeschickt beim Überfahren der abgerundeten Bordsteinkante. Ich plumpste auf die Hüfte, schrie „Scheiße“, und zwei junge Burschen kamen mir zu Hilfe. In diesem Moment, noch bevor ich den ersten Schmerz richtig orten konnte, schossen mir die Gedanken durch den Kopf: „Ist dies das Ende der Tour?“, „kann ich aufstehen?“, was ich dann auch direkt tat, um mich flugs an der Haltestelle niederzusetzen, flau im Kopf, fröstelnd. Die beiden Jungs stellten mein Fahrrad auf, steckten die Wasserflaschen zurück in die Halterungen, setzen sich neben mich und schauten mich erschrocken an. Auch ich schaute mich an: Ein Finger schmerzte, der Nagel war blutunterlaufen, der Handschuh aufgerissen. Den habe ich erst zu Hause in die Mülltonne geschmissen, er war mir von diesem Moment an jeden Morgen Mahnung: „Pass auf, Alter!“ Immer noch benommen, sah ich, wie sich Blut vom Ellenbogen mit dem Regen mischte. „Das wird sich von selbst regeln“, murmelte ich zu meinen Helfern, und macht mir Mut. Mein Kreislauf regulierte sich, Schaudern und Zittern ließen nach. Hand, Ellenbogen, Hüfte schmerzten, eine kleine Schramme am Helm, aber ich konnte alle Körperteile normal bewegen. An der nächsten Kreuzung fragte ich einen Radfahrer nach dem Weg Richtung Torgau. „Geradeaus bis zum Bahnhof, dann halbrechts, immer die B87.“ Unterwegs las ich Wahlplakate: „Leipzig, raus aus Sachsen!“ Auch dies hatte ich mir für diesen Tag noch vorgenommen, „raus aus Sachsen“, es gelang mir, den Leipzigern nicht.

Am zehnten Tourtag: die Oder ist überquert und ich betrachte Frankfurt von Polen aus. Deutschland habe ich durchfahren, die 1000 Kilometer habe ich geschafft. Mit Gänsehaut im Rücken überquerte ich die Oder, nur noch 80 Kilometer nach Westen bis Berlin.

Am Nachmittag fuhr ich über die Grenze zwischen Brandenburg und Berlin, bei Neu-Venedig schien noch die Sonne, das zehnte Bundesland war erreicht. Gut eine Stunde später schüttete ich auf dem S-Bahnhof von Friedrichshagen das Regenwasser aus meinen Schuhen. Auf dem Dach trommelte der Gewitterregen so laut, dass man selbst die Züge kaum hörte, immer wieder Blitze und Donner: Welch ein Empfang! Bis auf die beiden 10000 Marken hatte ich alle gesteckten Ziele erreicht. Ich war überglücklich. Die Bilder und Eindrücke der letzten Tage liefen im Kopfkino. Sie ließen mich mehr erschaudern als Nässe und Luftzug. Meine Freudentränen mischten sich unmerklich mit dem Regenwaser, das aus Helm und den wenigen Haaren triefte. Endlich kam der Zug, drinnen wohlig, stickig warm.

Im Hauptbahnhof angekommen hatte ich Hunger, war aber zu bequem oder zu erschöpft, um das Fahrradschloss unten aus der Packtasche, rechts? oder links?, zwischen Landkarten und Wäsche heraus zu kramen, ich hatte es auf der ganzen Fahrt einmal benutzt. Die meisten Menschen vertrauen mir, und ich vertraue ihnen, geht doch gut so. Aber hier wollte ich mein Fahrrad mit allem Gepäck nicht einfach so abstellen. Also schob ich Kreise im Erdgeschoss, bis mich Mira wieder anrief und flugs hinter mir stand. Einige Minuten später gesellte sich Christian zu uns. Wir wateten durch die Pfützen zwischen Kanzleramt und Reichstag zum Fotoshooting, angekomman am Ziel Berlin. Kein Frösteln mehr, jetzt fühlte ich mich wie zu Hause angekommen.

Inzwischen ist es Anfang November. Ich bin dabei, mich nach und nach bei meinen „Wasserträgern“ zu bedanken. Ein Mitarbeiter von Amnesty International ruft mich an und fragt mich, ob ich auf dem Laufenden sei über den Spendeneingang zu meiner Aktion. Ich schätze auf 7500 Euro, rund 6000 sind verbucht, und ich weiß noch von einigen anderen Spendern. „9450 Euro“ sagt er, und wieder läuft mir ein Schauer über den Rücken. Auch dieses Ziel werden WIR erreichen! Ich danke euch allen für diese Gänsehaut! https://www.amnesty-in-bewegung.de/projekt/2020/1000-km-fuer-die-menschenrechte

Das Spiel mit den Zehnerpotenzen ist aufgegangen:

10 hoch 4 : die Höhenmeter sind erreicht und die Spendensumme wird erreicht werden

10³: 1150 km sind gefahren und schöne Eindrücke hatte ich reichlich

10²: im Schnitt waren es über hundert Tageskilometer (zwischen 74 und 142), ich habe euch über hundert Bilder mit Beschreibungen übermittelt

10 hoch 1: 10 Tage war ich auf Achse, 10 Bundesländer und drei Nachbarländer berührt

10 hoch null = 1: ein Ziel wurde nicht erreicht, es gilt weiterhin für die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte zu kämpfen, tagtäglich, jeder für sich im Kleinen und wir alle zusammen. Es wird ein unerreichbares Ziel bleiben, dessen war und bin ich mir bewusst. Aber es ist ein wundervolles Ziel vor unseren Augen.

Liebe zu Frankreich: Chansons

Ersten Kontakt zum französischen Chanson habe ich während meines Frankreichaufenthaltes 1966 in der Charente. Die Brieffreundin meiner Schwester, Françoise, besitzt eine Single von Françoise Hardy mit den Titeln „Oh,Oh Chérie“ und „Tous les garçons et les filles“, die wir natürlich des öfteren anhören. https://www.youtube.com/watch?v=0aLoezucIzk Die Musik geht mir ins Ohr. Die Melodie dieser Musik, aber auch der französischen Sprache halten mich bis heute in Bewunderung. Ein paar Jahre später finde ich diese Interpretin mit langen Haaren und Minirock natürlich erst recht ganz toll, da läuft dem Heranwachsenden bei „J’ai chaud, j’ai froid“ ein Schauer über den Rücken. Inzwischen habe ich die ersten Chansons von Georges Moustaki gehört und verinnerlicht, dank der wöchentlichen Sendungen von Pierre Séguy im Saarländischen Rundfunk. Ich nehme per Mikrofon Radiodendungen mit meinem Tonbandgerät auf, übrigens ein Gerät von Uher, damals guter Standard, das ich mir leiste, weil ich eine im Preisausschreiben gewonnene Reise an die Adria weiterverkaufe. Da meine Französischkenntnisse bei weitem nicht ausreichen, um die Texte richtig zu verstehen, mache ich mich daran, die Inhalte bruchstückhaft aufzuschreiben. Irgendwann habe ich dann die Idee, Pierre Séguy via SR persönlich anzuschreiben und ihn um Texte und Übersetzungen zu bitten. Ich bekomme sehr bald einen dicken Briefumschlag mit Material, das ich verwende, um einen Chansonabend mit unserer Jugendgruppe zu gestalten: Der Anklang ist eher mäßig, was meine Begeisterung für Moustakis Texte nicht mindert. Besonders „Ma Liberté“ hat es mir bis heute angetan.

Andere Interpreten höre ich, gefallen mir, manche Stücke interessieren mich, z.B. „Paris, s’éveille“ darüber habe ich geschrieben in https://wordpress.com/block-editor/post/fuerfreiheitkaempfen.wordpress.com/6251 Auch das Chanson von Barbara ,“Göttingen“ berührt mich, diese zarte Stimme, diese muntere Interpretation und vor allem diese lustige Aussprache des „Göttinggen“. Jahrzehnte später sitze ich auf einem Schiff zwei Studentinnen aus Göttingen gegenüber und frage sie, ob sie „Göttinggen“ kennen. Sie kennen es leider nicht. Gerade erst ein paar Tage zuvor habe ich etwas über die Entsstehungsgeschichte des Liedes gehört. Für mich ist der Punkt zum Nachforschen gekommen: https://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%B6ttingen_(Lied) Es ist wichtig zu wissen , dass Barbara, 1930 als Tochter jüdischer Eltern geboren, während der deutschen Besatzungszeit im Département Isère versteckt, eine Antipathie gegen alles Deutsche hegte. 1964 lud ein Fan, ein Herr Klein, Direktor des Jungen Theaters Göttingen , sie zu einem Konzert ein, das sie nach anfänglicher Absage dann doch noch unter Bedingungen zusagte.

Als sie in Göttingen eintraf, stand der versprochene Flügel nicht zur Verfügung, und sie wollte ohne Konzert abreisen. Eine alte Dame der Stadt stellte einen Flügel zur Verfügung, den zehn Studenten durch die Stadt zum Konzertsaal trugen. Sie hielt ihr Konzert und verlängerte ihren Aufenthalt um eine Woche. Berührt durch die Eindrücke der letzten Tage schreibt sie am Nachmittag vor dem letzten Auftritt die Rohfassung für das Chanson „Göttingen“. Es war und ist eine Hymne gegen Ressentiments, die sie selbst vorher hatte, die sie durch die positiven Erfahrungen mit den Menschen in Göttingen in dieser Woche beiseite schob und auch überwinden lernte. Dieses Chanson wurde in Frankreich sehr bekannt und leistete einen enormen Beitrag zur deutsch-französischen Verständigung. Wie so oft spielen Gefühle und Empfindungen eine größere Rolle als Logik und Raison, in diesem Falle, glücklicherweise. Den Text gibt es unter diesem Link: https://www.songtexte.com/songtext/barbara/gottingen-6bca02ee.html

Georges Brassens und Jacques Brel lerne ich erst spät kennen und schätzen, was auch, vor allem bei Brassens, mit fehlender Sprachkenntis zu tun hatte. Hier hat mir mein französischer Freund André oft weitergeholfen, weil so manches unflätige Wort aus der Umgangssprache, dem argot, in keinem Dictionnaire zu finden ist. Ich wage zu behaupten, er ist Brassens-Kenner, und es ist wundervoll, wenn ich zu einem der Titel die gesellschaftspolitischen Hintergründe der damaligen Zeit erfahre oder endlich begreife, was ein Text eigentlich ausdrücken soll. Man lernt nie aus.

Aktuell höre ich gerne Zaz, quirlig, munter, mit Texten, die mich ansprechen. Meine Liebe zu Moustaki dauert an. Deshalb ein relativ unbekanntes Chanson zum Schluss: „Joseph“. Ein etwas anderes Liebeslied, einfühlsam und mit besonderer Ironie. Der Text auf Französisch: https://www.metrolyrics.com/joseph-lyrics-moustaki-georges.html und meine Übersetzung:

Das hast du nun davon, mein lieber Josef, dass du unbedingt die hübscheste haben wolltest unter den Mädchen aus Galiläa, die, die man als Maria kannte. Mein guter Josef, du hättest Sarah oder Deborah haben können, und nichts wäre passiert, aber du hast Maria allen vorgezogen. Mensch, alter Kumpel, du hättest zuhause bleiben können, weiterhin dein Holz tischlern, stattdessen bist du mit ihr in die Fremde abgehauen, um dich mit ihr zu verstecken. Du hättest mit ihr Kinder bekommen können, und ihnen deinen Beruf beibringen können, wie ihn dein Vater dir beibrachte. Warum, Josef, musste dein unbefangenes Kind diese seltsamen Ideen haben, die Maria so oft zum Weinen brachten. Manchmal denke ich an dich, Josef, mein bedauernswerter Freund, wenn sie über dich lachen, über dich, der doch nicht mehr wollte, als einfach nur glücklich mit Maria zu leben.

Immerhin hat es Josef geschafft, noch nach 2000 Jahren im Gedächtnis vieler Menschen zu sein, mit dieser romantischen Geschichte von ungewollter Schwangerschaft, von zu Hause durchbrennen, einem etwas sonderbaren Kind, vermutlich hochintelligent, vielleicht auch hyperaktiv. Die meisten, die noch nach so langer Zeit im Bewusstsein geblieben sind, mussten ganz andere Dinge leisten: in einer Tonne leben oder Winkel im Dreieck berechnen, Schatten an einer Höhlenwand beobachten. Andere schickten Tausende in den Tod oder schrieben darüber, stiegen mit Cäsaren ins Bett, eroberten die halbe Welt oder brannten ihre Hauptstadt ab, um etwas Bleibendes zu hinterlassen. Ich glaube nicht daran, dass einer von den oben genannten jemals erfahren hat, was aus ihm/ihr geworden ist oder im kollektiven Gedächtnis geblieben ist, ob sie tatsächlich Geschichte gemacht haben. Dem Einen oder der Anderen würde ich es wohl gönnen, ob im Positiven oder Negativen sei dahingestellt, manche sollte man einfach vergessen, viele sind längst vergessen. Uns bleiben immerhin neben allem einige schöne Chansons und diese Hommage an den alten Josef:

Hörprobe: https://www.youtube.com/watch?v=cbAqF3omR94

Gedankensprünge: Parabel über das Ertrinken

Zehn Personen stehen an einem lauen Herbstabend am Fluss und geniessen die Abendstimmung. Es kommt etwas Unruhe auf, als der jüngste von ihnen äussert, Hilferufe zu hören. Ihm wird die übliche Panikmache unterstellt, er solle nicht immer die Stimmung verderben. Einige Minuten später, die Rufe sind lauter geworden, behauptet auch ein zweiter, sie wahrzunehmen. Nach geraumer Zeit, die Rufe sind inzwischen so eindringlich geworden, dass die meisten das Gefühl bekommen, etwas tun zu müssen: „Da scheint wirklich jemand zu ertrinken, wir sollten helfen!“ Zwei der Anwesenden denken daran, ein Floß zu bauen. Drei andere verwerfen die Idee als zu teuer, und, man könnte dabei auch nasse Füsse bekommen. Man einigt sich darauf, ein paar Balken in den Fluss zu werfen: Er könnte sich schon selbst helfen, es würden sich sicherlich auch findige Menschen daran machen, aus diesen Hilsmitteln etwas Neues zur Rettung zu entwickeln. Das findet einer der Anwesenden als perfekte Verschwendung: der Ertrinkende bräuchte doch nur seine Schwimmtechnik zu verbessern, um sich zu retten. Zwei der Anwesenden, stark sehbehindert, behaupten, dass hier niemand ertrinken könne, da sie keinen Fluss sähen.

In den asozialen Medien, hier Facebook, lese ich, dass der erste, der aufmerksam wurde, den Ertrinkenden in den Fluss gestoßen haben soll. Gepostet von denen, die den Fluss gar nicht sehen wollten. Er sei auch Schuld daran, dass das Holz für Balken knapp und teuer geworden sei. Ausserdem sei er auch verantwortlich dafür, dass der Fluss ausgetrocknet sei.

Wasserträger

Diesen Begriff habe ich in den Beiträgen der letzten Monate mehrmals verwendet. Eigentlich mehr ironisch, denn ich bin kein Radprofi, und niemand ist vor, neben, hinter mir her gefahren.

Eines will ich klarstellen: Wasserträger ist kein herabmindernder Begriff. Einige meiner Leser sind radsportbegeistert, die dürfen schnell überlesen, aber auch ihnen danke ich. Den anderen will ich kurz erklären, wie wichtig im Radsport Wasserträger sind. Kein Merckx, kein Armstrong, kein Ullrich, kein Indurain, kein Froome hätte ohne seine Helfer seine Siege erreicht. Es sind die vielen oft namenlosen Rennfahrer, die Windschatten bieten, um ihrem Leader Energie zu sparen, die Wasserflaschen (daher der Name) und Energiefutter herbeifahren, die sich abrackern, um den Teamchef nach einer Reifenpanne wieder ins Fahrerfeld zu bringen, bei Totalschaden sogar ihre Maschine überlassen. Manche sind nicht namenlos geblieben, wie beispielsweise George Hincapie, Edelhelfer von Armstrong nannte man ihn, weil er dem Chef bis zum Ende einer Etappe noch helfen konnte, allerdings gedopt. ( Dem Edelhelfer Doping habe ich nie vertraut, abgesehen von Radler und Espresso, die meisten der oben genannten waren regelrecht abhängig.) Trotz Doping ist Udo Bölts für mich immer noch erwähnenswert, erstens weil er ehrlich gestanden hat, zweitens weil er unauffällig für sein Team vom Anfang bis zum Ende der Tour de France zur Sache ging, als Helfer, auch als psychologischer Berater. Als Jan Ullrich in den Vogesen schwächelte, puschte er ihn mit seinem unvergessenen Spruch: „Quäl dich du Sau!“ Diesen Aufruf hatte ich auf meiner Tour, öfter schon in der Vorbereitung, mehrmals im Kopf, und er hat auch mich motiviert.

Meine Wasserträger haben mir keinen Windschatten geboten und keine Wasserflasche angereicht, sie waren eher imaginär. Meine Unterstützer agierten im Hintergrund. Sie haben mich durch ihre Spenden angetrieben, ohne „quäl dich du Sau“ zu brüllen, ich habe trotzdem verstanden. Wenn es darum geht, ein Ziel zu erreichen, muss man beißen, da braucht man Ansporn. Man braucht auch Anerkennung, und, ich gebe zu, auch Bewunderung spornt an. Die kam von meinen Lesern und von etlichen Menschen, denen ich unterwegs begegnet bin.

Wenn ich dann abends meinen Tagesbericht schrieb, während des Wartens aufs Essen oder auch schon im Bett liegend, wollte ich auch etwas zurückgeben. Ich hoffe, es ist mir gelungen.