Peru 1980, Machu Picchu

Wir müssen früh auf den Beinen sein, der Zug Richtung Machu Picchu fährt kurz nach sechs, dann aber mit Verspätung. Aus dem Bahnhof von Cuzco schiebt er sich gleich am Hang entlang nach oben. Es ist zwar Spätsommer, aber es ist empfindlich kühl. Vor einer Lehmhütte am Stadtrand steht gähnend ein Junge in der Morgensonne ,mit Mütze, im dicken Wollpulli, es ist vermutlich seine Schwester in der Haustür, die sich am Wassertrog vor dem Haus den Schlaf aus den Augen gewaschen hat und sich jetzt das Gesicht abtrocknet. Es geht noch ein gutes Stück bergauf bis wir eine Hochebene erreichen, auf der die Schmalspurbahn ein bescheidenes Tempo erreicht. Diese Geschwindigkeit ist auch gut so, denn es rüttelt recht ordentlich. Die Mitreisenden sind schätzungsweise zur Hälfte Einheimische, die anderen Touristen. Heute, 2019, verkehrt auf dieser Strecke ein Pullmann Luxus Zug, den hätten wir uns damals gar nicht leisten können. Allein wegen der sprachlichen Kommunikation ist uns intensiver Kontakt mit den Peruanern kaum möglich, aber die Fahrten in den üblichen öffentlichen Verkehrsmitteln bieten uns trotzdem viel Einblick in die Lebensart, -weise. Wir lernen vieles, lernen vieles kennen, sehen wie die Leute mit ihren Kindern umgehen, was sie unterwegs essen, was sie transportieren, welche Strecken sie zurücklegen. Das ist der entscheidende Vorteil gegenüber dem Zug von heute, in dem fast nur Touristen aus den USA, Europa und China sitzen. Von der Hochebene senkt sich die Bahnlinie ins Tal des Urubamba, ein Quellfluss des Amazonas, der einen großen Teil Perus in Richtung Brasilien entwässert. Die Vegetation wird üppiger, wieder richtige Bäume, an den Talhängen des Urubamba dann Terassen, die schon zur Zeit der Inka angelegt wurden und auch heute noch bebaut werden. Ackerland ist rar, der Ackerbau in diesen Höhen, an diesen Hanglagen schwierig. Wir wundern uns darüber und bewundern, was die Bauern auf dem Markt in Cuzco angeboten haben, was die Menschen aus diesen Böden herausholen. Die Vegetation nimmt zu, Bäume an den Hängen, Lianen, schließlich sind wir quasi im Urwald, in Aguas Calientes auf 2000m Höhe in einer Schlucht, Ziel unserer Bahnfahrt.

Wir steigen aus. Wir sind nur 2,5 km unterhalb von Machu Picchu, von der Stadt ist nichts zu sehen. Gleichwohl sehen wir die Schotterpiste, die am Hang gegenüber im Zickzack nach oben führt. Als die Spanier diese Stadt vor ein paar hundert Jahren suchten, gab es dieses verräterische Machwerk noch nicht. Und so dauerte es bis 1911, dann entdeckte der amerikanische Archäologe Bingham die Inka-Metropole, die auch er zuerst nicht als etwas Besonderes einschätzte. Man kann zu Fuß die Strecke dorthin zurücklegen, wir wählen den Kleinbuss. Am Kartenschalter erhält man auch die Eintrittskarten für die archäologischen Stätten. Oben gibt es keinen Kartenverkauf. 2,5 km per Pedes steil bergauf, umsonst? Wer denkt sich dabei böses Spiel? Mit Sicherheit hätte man sich dort oben auch mit einem Trinkgeld Zutritt erheischen können, so ist das in Peru.

Die Ruinen der Stadt liegen auf einem Bergrücken weit oberhalb einer Flussschleife des Urubamba, steile Hänge rechts und links, nur ein schmaler Grat im Rücken und in der äußersten Biegung der Schleife noch ein Berg, Huayna Picchu, bestimmt noch 500 Meter höher noch oben ragend, teils mit Terrassen an den Hängen, teils felsig oder bewaldet. Die Inkastadt war dicht besiedelt, die Gebäude liegen oft wie

übereinandergestapelt. Kultstätten hatten mehr Platz. Für Wasserzufuhr und Kloaken war gesorgt, in den Wasserkanälen von damals, circa 1450 erbaut, fließt heute noch frisches Wasser. Mich reizt der Huayna Picchu, denn ich sehe von weitem Personen, die sich auf einem Pfad am Hang bewegen. Es bleibt eine Stunde bis zur Rückfahrt. Im Laufschritt mache ich mich auf den Weg, zuerst leicht bergab, dann über Stufen bergauf. Es ist heiß, der Schweiß tropft vom Kopf, mein Shirt ist nass. Ein Tausendfüßler „versperrt“ mir den Weg. Das habe ich noch nie gesehen. 25 cm lang, einen cm dick, schwarz, mit roten Beinen, inzwischen habe ich nachgelesen, so um die 250 Füsse, keine Schuhe. Ich mache ein Foto, und schaue auf die Uhr: der Gipfel des Huayna Picchu bleibt mir für ein späteres Leben, ich laufe und stürze bergab. Ingrid erwartet mich unten, und wir streifen noch einmal durch diese fantastische Ruinenstadt. Dann fahren wir schon recht müde mit dem Minibus zurück zum Bahnhof von Aguas Calientes.

Es geht wieder entlang des Urubamba, jetzt bergauf. Braunes Wasser wälzt sich durch das üppige Grün des Stromtales. Am späten Nachmittag setzt Regen ein, später schüttet es aus Kübeln. Von den Hängen stürzen Bäche herab, unter den Bahnbrücken tosen Flüsschen aus den Seitentälern. Als wir die Hochebene erreicht haben, ist es schon dunkel geworden, der Zug rumpelt nicht mehr, denn er fährt nur noch im Schritttempo. Wir bewegen uns inzwischen inmitten einer Wasserfläche deren Grenzen wir im Scheinwerfer der Diesellok nicht ausmachen können. Das Wasser reicht bis in Höhe der Räder der Waggons, manchmal höher. Als ich auf das Podest zwischen zwei Waggons hinausgehe, sehe ich unter mir nur gurgelndes braunes Wasser. Zurück auf meinem Platz beobachte ich, dass vorne auf der Lok ein Mann mit langer Stange den Untergrund der Bahnlinie abstochert, der Zug stockt, fährt langsam oder sollte man sagen, vorsichtig weiter. Alle im Zug sind inzwischen recht still geworden, alle sind angespannt. Ich bin mir sicher, ich bin nicht der Einzige, der sich überlegt, was tun, wenn der Zug umstürzt. Natürlich würde niemand eine solche Erwägung öffentlich äußern, weder der peruanische Macho, noch der europäische Abenteurer. Wir hätten alle kaum eine Chance gehabt. Nach langer, langer Zeit sind wir raus aus dem Wasser, dann noch eine Stunde bis Cuzco. Es ist verdammt spät geworden. Total müde und hungrig kehren wir noch in einer kleinen Gaststätte ein. Und dann fallen wir wieder ins Königsgrab im ersten Stock.

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Peru 1980, 2.Teil, Cusco

Fortsetzung von 23.01.: Peru 1980 (1.Teil)

Der Flug über oder in die Anden ist toll: Wüste, grüne, kahle Bergketten, schneebedeckte Gipfel. Dann der Anflug ins Hochtal der ehemaligen Inka-Hauptstadt, immerhin auf 3200 Metern Höhe gelegen. Die Landung vollkommen unspektakulär, aber nach dem Aussteigen bemerken wir recht schnell, dass geringe Anstrengungen mehr fordern als gewohnt. Die Luft ist etwas dünner, und der nicht darauf eingestellte Organismus muss Tribut zollen. Mit dem Bus fahren wir in die Innenstadt zu unserem Hotel, Tambo Real, Königsgrab. Sehr einfach, aber annehmbar. Die Dame, die uns empfängt, bietet uns gleich einen Coca-Tee an, ein Mittel um der Höhenkrankheit, Soroche, vorzubeugen, sie kennt das Problem der Flachland Tiroler oder auch der Flachland Inkas. Der Genuss von Tee angereichert mit einigen Cocablättern wirkt kreislaufstärkend und hat keinerlei halluzinogene Wirkung. Koka ist seit Jahrhunderten in den Anden eine weitverbreitete Droge. Die Spanier erkannten den besonderen Nutzen darin, dass die Arbeiter in den Minen ohne Schlaf und Essen arbeiteten, also gehörten Kokablätter zur üblichen Entlohnung. Üblicherweise kauen die Indios Kokablätter mit etwas Kalk, dies scheint der Abhängigkeit vorzubeugen, wie wir sie in unseren Ländern kennen, wo reines Kokain konsumiert wird. Noch nach dem zweiten Weltkrieg schätzten amerikanische Minenbesitzer die arbeitsfördernde Wirkung von Koka, während inzwischen von Nordamerika aus der Anbau des Kokastrauches vehement bekämpft wird. Als ich unsere Rucksäcke ins obere Stockwerk trage, bin ich direkt außer Atem, wir sind beide richtig fertig. Wir legen uns zuerst mal eine halbe Stunde aufs Bett zum Akklimatisieren, studieren Stadtplan und Reiseführer. Danach ein kleiner Rundgang durch die Stadt, in aller Ruhe. Am Spätnachmittag beobachten wir im Stadtpark die Mütter, die ihre Kinder von der Schule abgeholt haben, die Kleinen in ihren Uniformen beim Spielen und Herumtoben, wie entspannend nach dem langen Herumsitzen. Die Kathedrale von Cuzco ist auf den Grundmauern eines Inkapalastes erbaut worden. Interessant ist, dass die Inkamauern ohne Mörtel fast fugenlos  aufeinandergefügt waren, große Steine so dicht angepasst, dass man kein Blatt Papier dazwischen schieben könnte. Da ohne feste Zwischenschicht gebaut war, also auch etwas Spiel möglich war, garantierte diese Bauweise eine gewisse Erdbebensicherheit. Ob dies Motiv für diese Bauart war, oder ob Mörtel in unserem Sinne nicht bekannt war, entgeht meiner Kenntnis. Wir waren schnell erschöpft, aßen nur eine Kleinigkeit zu Abend und legten uns früh ins Bett.

Am nächsten Morgen erst mal zum Bahnhof, wir klären ab, wann wir nach Machu Picchu fahren können: tags darauf. Der Markt auf der breiten Straße unterhalb des Bahnhofes Richtung Stadtzentrum ist überwältigend:

Die Bauern, Händler haben ihre Waren ausgebreitet: Gemüse, Früchte kunstvoll aufgetürmt oder als Blumen arrangiert, Berge von Kürbissen, Stände mit allen möglichen Gerichten, Rinderköpfe blutig rot auf dem Pflaster, Fleisch auf Holzblöcken. Wir essen gegen Mittag Anticuchos: Spieße mit Stücken von in Essig und Chili mariniertem gegrilltem Rinderherz, schmeckt gut.

Dann machen wir uns auf zur Festung Sacsayhuaman auf den Hügeln oberhalb von Cusco. Wir müssen eigentlich nur drei Kilometer laufen, aber, es geht ganz schön bergauf, in dieser Höhe ist sogar schon der Weg atemberaubend. Und lohnt sich. Die Festungsanlage hat ein Ausmaß, dass gerade wieder der Atem stockt. Riesige Steinblöcke wurden zu Mauern zusammengefügt, der größte Stein soll 200 Tonnen wiegen. Und während wir staunend an, in diesem Bauwerk stehen und herumlaufen, wagt man nicht daran zu denken, wieviel Blut, Schweiß und Tränen beim Bau einer solchen Anlage vergossen wurden. Na ja, für Götter und Herrscher gilt es Opfer zu bringen.

Zurück in die Stadt geht es abwärts, weit weniger anstrengend, obwohl der Weg steil und holprig ist. Ein Bauer mit Lama begegnet uns, ein kleines Trinkgeld und wir haben einige Fotos mit Lama und uns. Leider kann ich die Dias von damals nicht hochladen, sind zwar digitalisiert, aber weiter komme ich noch nicht damit.

Am Nachmittag streifen wir durch die Stadt. In einer schmalen Gasse finden wir auch den berühmten vieleckigen Stein, den ich nach unserem Aufenthalt in Cusco noch zigmal im Fernsehen gesehen habe, wo war er vorher? Unter dem Stein spielt ein Blinder auf einer Art Laute, ein kleiner Junge sammelt das Kleingeld. Ich finde eine Münze in meiner Börse und gebe sie dem Kleinen, er schaut sie an und jubelt: „250 Soles, 250 Soles“, tanzt um den Musizierenden und um uns herum. Genau genommen war es wohl zu großzügig, aber es hat uns allen Freude gemacht.

Wir essen abends irgendwo am Rande eines Parkes in der Stadt. Das Restaurant ist gut besucht, vorwiegend von besser stehenden Einheimischen. Nach diesem Tag, wo wir so viel einfaches, auch armseliges Leben gesehen haben, sitzen wir auf einer Insel in einer exotischen Umgebung, einer Insel in einem fremden Ozean.

Tambo Real, Königsgrab, heißt unsere Herberge, wir schlafen wie Tote.

01.12. Gedankensprünge, 65ster Geburtstag

Zweiter Frühling? Nein: ein Bild in Sachsen-Anhalt, im April.

Bei der Wetterprognose für heute haben wir den Plan, einen Tag im Elsaß oder an der Mosel zu verbringen mit Wanderung, gemütlichem Abendessen und Übernachtung, vor ein paar Tagen aufgegeben. Es bleibt beim Abendessen mit Übernachtung zu Hause.

Gestern noch wollte ich den heutigen Geburtstag nutzen, um mit Bohrhammer im Keller den Putz weiter zu entfernen, Knochenarbeit, ein Quadratmeter, eine Stunde, Staub, Lärm. Immerhin Bohrer und Mundschutz, wie in alten Zeiten. Ja und dann: den ganzen Tag keine besondere Aktivität: geruhsam gefrühstückt, telefoniert, Grüße entgegengenommen. „Ist es das Alter?“, frage ich mich jetzt kurz vor dem Abendessen.

Nein, wahrhaftig nicht, eine kleine Verschnauf- und Denkpause vielleicht, mehr nicht. Ich darf glücklich sein, dass ich gesund und munter bin. Und meine Möglichkeiten will ich weiterhin nutzen.

Die Arbeit im und rund ums Haus bereitet mir viel Freude, und alles, was ich einigermaßen beherrsche, erledige ich selbst. Am liebsten bin ich dabei im Gemüsegarten und anschließend in der Küche, wobei der Garten jetzt weitgehend Winterpause eingelegt hat. Auch das Radfahren ist bei den aktuellen klimatischen Bedingungen mehr Fitnesstraining als Freude. Also bleibt als körperliche Betätigung vorwiegend die Arbeit im Keller. Während der kommenden Woche werde ich eine Unterrichtstunde fürs Gymnasium vorbereiten zum Thema Menschenrechte und dem Briefmarathon von amnesty international. Ich freue mich schon auf diese Stunde am 10. Dezember, dem Tag der Menschenrechte. Ich sehe es als eine wichtige Aufgabe für mich, jungen Menschen zu zeigen, wie notwendig es ist, sich für Freiheit und Gerechtigkeit einzusetzen. Irgendwann im Laufe des nächsten Jahres werde ich wieder eine Fahrradaktion für amnesty durchführen, demnächst gilt es, mit der konkreten Planung zu beginnen, damit auch was ordentliches zustande kommt.

Herzlich bedanken will ich mich bei allen, die mir Glückwünsche übermittelt haben, per Post, per mail, telefonisch, persönlich und per social media, die ich heute mal nicht als asozial schelte. Ich werde mich bemühen, euren Wünschen zu entsprechen, weiterhin viel Glück zu haben und gesund zu bleiben. Und auch bei euch werde ich sicherlich nachbohren, wenn es mal wieder um mein Engagement für amnesty international geht, hier gibt es keinen Ruhestand: Kugelschreiber, Unterschriftenliste und Spendenbüchse sind bereit. Die Kontonummer ist die gleiche: amnesty international IBAN DE233 702050 0000 8090100, Verwendungszweck Gruppe 1274, amnesty in Bewegung.

03.09.: Tierisch schön in der Oberrheinebene

Morgen geht es nach Hause, also heute noch einmal richtig was lostreten. Der Morgenhimmel ist vielversprechend, und der Optimist darunter wird etwas daraus machen. Meine Brötchen kaufe ich am  Campingplatz, belegt mit etwas Schinken, Butter mag ich nicht, die schmilzt unterwegs. Das erste wird direkt verzehrt mit Kaffee. Dann geht es los. Den Rhein entlang nach Süden, durch Auwälder, die in der Morgenfrische dunstig vorübergleiten. Jogger, ältere Menschen, was heißt ältere, älter als der Durchschnitt, 64 aufwärts, führen ihre Hunde aus. Es ist ausgesprochen ruhig, auf den Wasserflächen der Altrheine scheinen die Wasservögel wie gelähmt, müssen erst noch wach werden, aber wozu auch Hektik machen, die Balz ist längst vorbei, die Jungen haben schwimmen und fliegen gelernt, Futter wird man hier in diesem Jahr reichlich finden. Den Ort Altenheim lasse ich mal locker links liegen.

Den Rhein kreuze ich über den Pont Pflimlin, ich glaube, Pflimlin war Bürgermeister von Straßburg, wohl auch angesehen, sonst hätte man nicht diese bedeutende Brücke nach ihm benannt. In Frankreich angekommen suche ich den Canal du Rhône au Rhin, der mich nach Süden führen soll, er ist bald erreicht. Das alte Kanalnetz Frankreichs ist sehr umfangreich, es müssen zigtausende Kilometer sein. Schon in etwas jüngeren Jahren habe ich auf der Landkarte Routen geplant, vom Saarland zum Mittelmeer, von Burgund zur Loire und zum Atlantik, am Rhein-Marne-Kanal entlang über Paris in die Normandie. Hier knapp südlich von Straßburg ist der Kanal für Hobbyshipper zu befahren und auch gut frequentiert. Wirklich schmuck

sind die alten Schleuserhäuser, meist aus Backsteinen gebaut, hier mal gerade nicht, oder verputzt, mit reichlich Blumenschmuck und die Gärten drumherum sind fast immer sehr gepflegt. Früher hatten die Schleusenwärter einerseits Mußezeiten, die Lastkähne kamen nicht in dem Rhythmus wie heute die LKWs an die Mautstellen, andererseits mussten sie zusehen, dass sie in ihren Gärten so viel wie möglich zum eigenen Bedarf anbauten, und ich kann mir vorstellen, dass auch manches Gemüse an einen Schiffer verkauft wurde.

Ich fahre ruhig aber zügig Richtung Süden, dass es hier Ortschaften gibt, sehe ich an den Wegweisern, ansonsten Natur fast pur, jetzt auch ein Kieswerk, eine riesige Narbe in der Landschaft. Dann wieder Grün mit dem schmalen Asphaltstreifen des Radweges zwischendrin. Einige wenige Radfahrer und Spaziergänger sind unterwegs. Ich erreiche einen Kanalabschnitt, der nicht mehr für Schiffe befahrbar ist, hier wird es richtig schön. Umgestürzte Bäume liegen im Wasser, abgestorbene Kronen ragen grau in den Himmel, ein Specht hämmert irdendwo. Eine Schwanenfamilie

zieht vorüber, sie ist unbeeindruckt, als ich fürs Foto stehen bleibe, Gewohnheit. Die Stechmücken sind allgegenwärtig, ich habe glücklicherweise heute morgen an Mückenschutz gedacht. Was bewegt sich da vorne auf meinem Weg? Putzige kleine Tiere futtern Gras und Kräuter. Ich denke, es sind Nutria oder Bisamratten. Sowohl die Jungtiere als auch die größeren sind absolut nicht scheu, aber auch nicht zutraulich, sie nehmen mich überhaupt nicht wahr, krabbeln 10cm neben meinem Fuss

entlang, wenn die jetzt noch am Reifen knabbern, ergreife ich die Flucht. Ich fahre ohnehin weiter. Nach 80 Kilometern bin ich in Neuf Brisach, Festungsstadt, durch Vauban geplant, um  1700 erbaut. Ich kenne die Festungsbauten Vaubans natürlich sehr gut, Saarlouis liegt vor der Haustür. Dieser Baumeister hat für Ludwig XIV. Dutzende von Anlagen geplant, an die 160 Umbauten realisiert, ich bezweifele, ob er all seine Planungen je gesehen hat, er soll allerdings pro Jahr an die 5000 Km in der Kutsche unterwegs gewesen sein. Genial war er sicherlich schon, dieser General. Ich drehe eine Runde durch die Stadt, die nicht sehr belebt wirkt.

An einem kleinen Café lasse ich mich nieder: das übliche Doping mit Espresso und heute Éclair au Chocolat, meine Wasserflaschen werden gefüllt.

Auf dem Weg nach Breisach treffe ich einen weiteren Radfahrer, Australier, auf dem Weg Richtung Donau, dann weiter gen Osten die Donau entlang, Heute steht für ihn noch das Höllental an, das wird er sicherlich noch schaffen. In Breisach ist Weinfest, Jahrmarktrummel am Rheinufer, Kreuzfahrtschiffe haben angelegt, ich bin froh, als ich durch bin. Inzwischen bin ich langsam erschöpft. Um den Kaiserstuhl herum sind es weitere 35 Kilometer bis zu einem Bahnhof, Herbolzheim, nie gehört, aber jetzt ersehnt. Die Strecke auf dem Kiesdamm am Rhein entlang ist anfangs eintönig, durch die Feuchtgebiete im Hinterland abwechslungsreicher. Habe wohl wieder einen Wegweiser übersehen, Umweg über Waldweg, keine Sau weit und breit, aber Vogelstimmen und Mückensirren. Schmetterlinge, tolle Blumen, wie sie wohl alle heißen? Ich erreiche einen Kanal, sehe eine Straße, die ich erreichen kann. Ich gebe wieder Gas, endlich wieder ein gut ausgebauter Radweg, tut richtig gut, im Hintern und im Hinterkopf, der erstere spielt inzwischen die größere Rolle?

Herbolzheim nach Offenburg per Bahn. Lahr zieht vorüber. In jungen Jahren habe ich öfter mal Rothändle geraucht von der Badischen Tabakmanufaktur in Lahr. Ist glücklicherweise lange her, sonst hätte ich mit Sicherheit nicht mehr die Luft für meine Touren. Offenburg gefällt mir, obwohl ich schon recht groggy bin, schlängele ich noch eine kurze Runde

durch die Stadt, bevor ich die Kinzig entlang Richtung Kehl fahre. Heute finde ich die passende Route,um die Wellblechpiste zu umgehen, die ich schon beschrieben hatte. Gegen 18 Uhr, nach über neun Stunden, erreiche ich den Campingplatz, 147 Kilometer auf dem Fahrrad, neuer Rekord für mich.

Heimfahrt am Dienstag. Um das Spiel mit den Tieren zu Ende zu bringen, mache ich noch einen Umweg über Wissembourg, um Drachenfutter zu

kaufen. Die Confiserie, Pâtisserie Rébert ist einen Umweg wert, meint auch meine Frau.

02.09.19: „Europa“ erfahren

Ich schreibe diesen Beitrag am 11. November, der erste Weltkrieg endete vor hundert Jahren mit der Unterzeichnung des Waffenstillstandes in Compiègne. Der auf beiden Seiten des Rheines geschürte Hass gegen den Nachbarn währte weiter. Erst nachdem weitere zig Millionen nicht nur in Europa zerfetzt, vergast, verhungert waren, besannen sich einige kluge Menschen, dass eine neue Ordnung her müsse. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948, sie wird demnächst siebzig, war ein wichtiges Signal. Ich halte die Idee für perfekt, die Umsetzung ist eine andere Seite. Es gilt, täglich weiter dafür zu kämpfen. Die Bemerkung, dass der Einzelne ja doch nichts erreichen kann, ist Ausrede: Verantwortung beginnt bei jedem Einzelnen. Und in Europa haben Robert Schumann, Alcide de Gaspary und Konrad Adenauer den Grundstein gelegt, um Vorurteile und Hass zu überwinden.

Vom Campingplatz in Kehl sind es wenige Meter zum Rhein und zum Jardin des Deux Rives. Ein kleines Denkmal erinnert an neun französische Widerstandskämpfer, die am Tag der Befreiung Straßburgs durch alliierte Truppen in Kehl durch die Gestapo aus dem P1030769Kerker gezerrt und am Rheinufer bestialisch ermordet wurden. Fanatismus, Wut, Hass, ich gebe zu, in dem Moment, in dem ich dies lese, bin ich auch wütend, und traurig, wegen dieses unsagbaren Verbrechens. Nebenan verbindet die wundervoll P1030768geschwungene Brücke Kehl mit Straßburg und Deutschland mit Frankreich, der Rhein ist nicht mehr Grenze, gerade noch ein Hindernis. Ohne auf eine Karte zu schauen fahre ich in Richtung Hafen und bemerke irgendwann, dass ich südlich vom Stadtkern Straßburgs gelandet bin, eigentlich wollte ich Richtung Nordwesten. Die Innenstadt an einem Sonntagmorgen zu durchqueren ist angenehm, wenig Verkehr, keine Hektik. Wenn ich zu Fuß wäre, würde ich sagen, ich schlenderte durch die Stadt, aber ich sitze auf dem Fahrrad. Am Münster vorbei, dann an der Ill entlang führt mein Weg zum Europäischen Parlament.IMG_20180902_105014 Wie oft wird die EU gescholten wegen irgendeiner neuen Regelung, deren Sinn nicht vermittelt wurde oder wegen eigener Interessen verleugnet wird. Umgekehrt wird aber auch moniert, dass in vielen Bereichen noch kein einheitliches EU-Recht existiert. Ich sehe eine Entwicklung, die geduldig mit Fingerspitzengefühl vorangetrieben werden muss. Und eins sei allen EU-Gegnern immer wieder vor Augen gehalten: dieses Europa hat uns jahrzehntelangen Frieden beschieden, wer gegen Europa ist, will auch keinen dauerhaften Frieden. In den Nachrichten höre ich gerade, dass Angela Merkel und Emmanuel Macron gemeinsam unter dem Arc de Triomphe am Grab des Unbekannten Soldaten an den Feierlichkeiten zum Ende des 1. Weltkrieges teilnehmen, es ist noch nicht allzu lange her, dass es undenkbar und in beiden Ländern nicht vermittelbar gewesen wäre, gemeinsam mit dem Regierungschef des ehemaligen Feindes bei einer solchen Veranstaltung  aufzutreten. Diese Zeiten sind glücklicherweise für fast alle überwunden, ein paar ewig gestrige, die nichts aus der Vergangenheit lernen, weil sie dort hängen geblieben sind, wird es wohl immer geben.

Ich fühle mich in Frankreich so wohl wie in Deutschland. Ich liebe die Menschen, ihre Lebensart, die Landschaften, die Küche, die Musik, die Sprache, die ich glücklicherweise durch die Aufenthalte in meiner Jugend recht gut spreche. Und mit meinen französischen Freunden kann ich mich unvoreingenommen über unterschiedliche Sichtweisen austauschen. Es ist zum Beispiel manchmal äußerst interessant, wie irgendeine aktuelle politische Begebenheit in Deutschland in Frankreich oder auch in Italien oder sonstwo beurteilt wird.

Inzwischen bin ich am Rhein-Marne-Kanal. 1853 fertiggestellt verband er Straßburg über die Marne mit der Seine und damit mit dem Atlantik ohne über den Rhein durch Feindesland schippern zu müssen. Nach dem deutsch-französischen Krieg 1870-71 war dann wohl der Rhein die bevorzugte Route. Die Strecke am Kanal entlang ist mit dem Fahrrad angenehm zu fahren. Anfangs, in den Aussenbezirken von Straßburg sind viele Jogger unterwegs, Menschen aller Hautfarben in meist bunter Kleidung, farbenfroh. Auch viele Radfahrer nutzen den freien Tag für die persönliche Fitness. Kinder spielen in den Gärten. IMG_20180902_113107Weiter entfernt von der Stadt ist es ausgesprochen ruhig, hier und da ein Angler. Nach 50 Kilometern bin ich kurz vor Saverne. Da ich nicht auf dem selben Weg zurück möchte, verlasse ich den Radweg und fahre über Landstraßen, routes départementales, durch die Hügel zurück nach Südosten. Mein Ausriss aus dem Michelin-Straßenatlas reicht nicht bis hierher, aber Himmelsrichtung und Beschilderung helfen weiter. Wie ich sehe, ist in dieser Gegend gut leben. In den Ortschaften, deren Namen ich noch nie gehört habe, parken jede Menge Autos vor den Gasthäusern. Das sonntägliche Mittagessen im Familienkreis ist in ganz Frankreich für viele ein Muss. Ausserhalb der Dörfer wächst so ziemlich alles, was der normale Mitteleuropäer so zur Drogenherstellung benötigt:IMG_20180902_135910 Hopfen, Tabak, Obst, Wein. Ich sehe die Kathedrale Straßburgs von weitem vor mir, es ist jedoch noch ein Stück. Mir fällt auf, dass in einigen recht neuen Wohnvierteln in den Vororten schon bei der Planung an Radwege gedacht wurde, nur die Beschilderung lässt zu wünschen übrig. Am Wegweiser Richtung „Centre“ bin ich verwirrt. Ein jugendliches Paar auf Fahrrädern bemerkt meine Irritation, sie schauen mich fragend an. Und ich kann ihre Hilfe gut brauchen, denn das „Centre“ bezieht sich auf Cronenbourg, nicht auf Strasbourg, es geht genau in die entgegengesetzte Richtung. Sie wollen mich geleiten. Das funktioniert prima, sie kennen die Schaltung der Ampeln, dann kann man auch schon mal bei Rot losfahren um noch rechtzeitig bei Grün an der nächsten Kreuzung zu sein . Die beiden fahren wahrhaftig sehr aufmerksam und rücksichtsvoll, nach kurzer Zeit sind wir schon wie ein eingespieltes Team. Im Zentrum von Straßburg lade ich sie gerne zu einem Kaffee oder Getränk ein, sie freuen sich sichtlich und nehmen an. Es dauert ein wenig mit dem Service, der junge Mann wird unruhig. Die beiden wollen noch zu einem Fahrradflohmarkt, der geht bis 17 Uhr. Er will dann lieber schon mal vorfahren. Unsere drei Fahrräder sind aneinander gekettet, sein Aufbruch verzögert sich, da kommen auch schon unsere Kaffees. Die beiden sind begeistert zu hören, dass ich aus Deutschland stamme, seit 40 Jahren Freundschaften in Frankreich pflege. Das finden Sie bewundernswert und wichtig in unserer heutigen Zeit, wo Tendenzen zur Abschottung wieder aufleben. Wir fahren noch ein Stück gemeinsam weiter durch die Stadt, kreuzen  die Ill. Im Viertel um die Place d’Austerlitz ist viel los. Dieses Quartier hat sich in den letzten Jahren stark entwickelt und scheint gerade für junge Leute sehr attraktiv zu sein, die beiden gehen dort auch öfter mal aus. Hier trennen sich leider unsere Wege, wir hätten uns gerne noch länger unterhalten. „On ne sait jamais, peut-être on se reverra un de ces jours,“ sagt der junge Mann. – „Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich“, denke ich. IMG_20180902_153513Über eine neue Straßenbahnbrücke geht es Richtung Kehl, das inzwischen an das Straßburger Netz angeschlossen ist. Im Jardin des Deux Rives entdecke ich noch eine schöne Skulptur, die meine Denkart dieses herrlichen Sonntags widerspiegelt: IMG_20180904_100152Begegnung.

 

01.09.: Fahr Rad im Schwarzwald!

Die letzte gemeinsame Tour dieser Fahrradwoche mit Patrick. Ursprünglich wollten wir ja an diesem Samstag zum Stilfserjoch fahren, haben dies aber auf Mittwoch vorverlegt. Wie ich später nachgelesen habe, wurde der Pass heute gesperrt wegen Schneefall. Die Teilnehmer am Stilfserjoch-Radtag durften bei nasskaltem Wetter nur bis zur Kehre 22 bei der Franzenshöhe fahren. Dies taten immerhin noch 1155 Teilnehmer, die Veranstalter schrieben: „Wir sind stolz auf euch!“ und die Unerschrockenen dürfen stolz auf sich sein. Sie wurden auch von den Vereinen aus Prad entsprechend logistisch und kulinarisch verwöhnt. Schöne Bilder gibt es unter www.stelviopark.bz.it/Radtag/Bilder

Wir haben es vorgezogen, wegen des Wetters den Standort zu wechseln, was im Nachhinein gesehen eine gute Entscheidung war. Heute wollen wir es noch einmal richtig krachen lassen.P1030781 Durch die Rheinebene fahren wir zügig in Richtung Renchtal und suchen die Beschilderung Richtung Oppenau. Ich verlasse mich auf meinen Orientierungssinn und auf die Erinnerung aus zwei früheren Touren 2015 und 2017, wobei ich unterschiedliche Strecken mit Navi gefahren war. Wir kreuzen die Bahnlinie, die ins Rechtal führt, kreuzen sie ein zweites Mal, dann auch die B28, jetzt müsste es talaufwärts weiter gehen. Eine Umleitung führt eher Richtung Süden, statt nach Osten, wir folgen der Beschilderung. Nach 30 Kilometern zeigt ein Wegweiser an, dass es nur noch 7 Kilometer bis Offenburg sind, das kann überhaupt nicht stimmen. Jetzt muss doch noch Googlemaps helfen, welche Blamage. Die Strecke führt weiter über den schönen Weinort Durbach, wäre mal ein Wochenende wert, über den nächsten Höhenzug wieder ins Renchtal nach Oberkirch, dazwischen mal ein ordentlicher Anstieg mit 18% Steigung zu Eingewöhnen. Das waren über 20 Kilomter Umweg, ich habe aus Versehen Unweg getippt, passend, weil peinlich. P1030782Von Oberkirch bis Oppenau geht es gemütlich, Verfahren ist hier fast unmöglich. Wir sind nicht verdrießlich, denn wir wollen heute Radfahren, und es war ja eine schöne Route, wenn auch die falsche. Hinter Oppenau geht es dann richtig weiter: Wie schon geschrieben ist die Oppenauer Steige vom Radsportverband als Kategorie 1 eingestuft, darüber gibt es noch „Hors Catégorie“ z. B. für Mont Ventoux oder Stilfser Joch, aber das hatten wir ja schon. Das 18% Schild direkt am Ortsausgang zeigt IMG_20180901_123154mir direkt die Richtung, in die es heute geht: kleinster Gang. Von den 7,7 Kilometern dieser Strecke, werden rund fünf ordentlich steil sein. Und Patrick ist dann mal weg. Diese Landstraße ist nur wenig befahren, die meisten Motorisierten fahren rücksichtsvoll, die anderen nerven um so mehr. Jetzt so um die 10% Steigung. Die Landschaft kann und will ich auch trotz der Anstrengung genießen, erstens ist sie schön und zweitens lenkt das ab. Der Lärm von ein paar Autos, die mich gerade überholt haben, ist hinter den nächsten Kurven verklungen, ich höre Vögel, Wind in den Bäumen, die Kette, Atem und manchmal den Herzschlag. Jetzt höre ich eine laute Stimme immer deutlicher, keine Halluzination, es werden mich wohl gleich zwei Radler überholen, die sich trotz des Anstiegs unterhalten. Das kann nicht sein, die Stimme wird zu schnell deutlicher, so schnell , das geht nicht. Jetzt höre ich genauer: er spricht italienisch: „Che bella vista, che paesaggio meraviglioso!“ Er düst mir entgegen, telefoniert mit Knopf im Ohr, begeistert, mit mindestens 50 kmh, einige Sekunden später wieder Ruhe und Grinsen in meinem Gesicht: Ja, so schön kann Radfahren sein. Dies ist eine Antwort auf die immer wieder gestellte Frage: „Warum tut man sich das an?“ Baumfällarbeiten haben braune Schleifspuren auf dem Asphalt hinterlassen, die Arbeiter winken mich durch. Die nächsten Spuren hat eine Unfallaufnahme in enger Kurve auf die Straße geschrieben: ein großes Rechteck (PKW), zwei große Kreise (Motorrad), zwei kleine Kreise (Fahrer und Beifahrer), nicht rechtzeitig eingeordnet. Nur wenige hundert Meter weiter hängt ein Motorradhelm auf einem Pfahl hinter der Leitplanke, Inschrift in gotischer Schrift. „Meet you in paradise“, das Paradis, wie auch immer es in diesem Fall aussieht, war schon früh erreicht. Ich hielte es für sinnvoll und überlegenswert, solche Straßen generell für Motorradfahrer zu schließen, Beispiele gibt es schon, öffentliche Straßen sind keine Rennstrecken.

Gerade als die Landstraße wieder steiler wird, kommt Patrick entgegen. „Hier wieder 18%, das geht hinter der Kurve so weiter, also langsam angehen. Wenns flacher wird, sind wir auch schon bald da.“ Perfekter Trainer, denke ich. Stellenweise ist es so steil, dass ich die Pedale kaum noch gedreht kriege, ein Kilometer mit mindestens zehn, meist mehr Prozenten. IMG_20180901_131459Ein Aussichtspunkt mit Parkpaltz liegt rechts, ich fahre vorbei, dann wird es flach. Noch ein Kilometer bis zur „Zuflucht“, dort gibt es alkoholfreies Weizenbier. Wir sitzen draußen in der Sonne und unterhalten uns mit Langstreckenläufern, es gibt unterwegs immer wieder nette Begegnungen.

Und wie fahren wir jetzt weiter? B500, Schwarzwaldhochstraße, scheidet aus, bin ich schon mal gefahren bis Freudenstadt, zu viel Verkehr. Ich bin guten Mutes: Zurück nach P1030786Oppenau und dann über den Löcherbergpass ins Kinzigtal. Das macht noch eine schöne Strecke, auch landschaftlich, und im Tal gibt es wieder eine Bahnlinie. Na dann mal los! Zuerst einmal die Abfahrt ohne Telefon, aber trotzdem berauschend. (Der Fahrtwind rauscht in den Ohren). Dann bis Löcherberg an der B28 entlang, ist nicht so schön zu fahren, aber es herrscht wenig Verkehr. Dann rechts ab wieder den Berg hoch, bis zu 12%, drei Serpentinen im Wald, Almwiesen, nach gut drei Kilometern sind wir oben an einem Rastplatz im Wald. Die Abfahrt über Zell am Harmersbach ist richtig angenehm zu fahren, es geht teilweise auf der Landstraße, teilweise auf Radwegen. Zell war im Mittelalter freie Reichsstadt, es gibt schöne Fachwerkhäuser, wir fahren auch durch das Tor des Storchenturms. In Biberach erreichen wir das Kinzigtal, 100 Kilometer sind zurückgelegt, noch über 40 bis Kehl. Bahnhof, nein danke! Das war vor drei Jahren, da habe ich hier ohne Oppenauer Steige nach rund 75 Kilometern Schluss gemacht, heute will ich mehr. Auch Gengenbach ist ein nettes Städtchen, das zum Verweilen einlädt, also trinken wir mal IMG_20180901_165013wieder Espresso. Im Café können wir auch unsere Wasserflaschen auffüllen. Ab hier weht uns ein deutlicher Wind entgegen, ich halte mich im Windschatten von Patrick, und wir schaffen jetzt immerhin noch einen Schnitt von um die 20kmh. Ich kämpfe. Offenburg ist erreicht, jetzt irgendwie vorbei oder hindurch, dann noch 20 Kilometer. An der Kinzig entlang, hier fast kanalartig ausgebaut, nicht gerade abwechslungsreich, aber wir fahren auf gutem Radweg. Wir sind nicht mehr weit vom Ziel. Diesen Abschnitt kennen wir noch von vor zwei Tagen: festgefahrene Kiesstrecke, wie Wellblechpisten in der Sahara. Wir versuchen dies zu umgehen, biegen nach rechts ab, der Weg ist anfangs geschottert, dann Feldweg, schließlich Pfad. Ich frage zwei Wanderinnen, ob man hier irgendwie weiterkommt. „Ja schon, irgendwie.“ Es stimmt. Wir erreichen die schon gefahrene Wellblechpiste nach ein paar Minuten, drei Kilometer Umweg. Wir lachen trotzdem, das Ziel liegt nah. Jetzt fahren wir auf der schon bekannten Route, keine Experimente mehr, auch wenn das Sitzfleisch kräftig massiert wird. Wir sind angekommen, nach 143,2 Kilometern mit 1677 Höhenmetern, das ist die längste Strecke, die ich je an einem Tag gefahren bin, und das nicht gerade in der Ebene. Super! Wir trinken zuerst mal ein Bier nach neun Stunden Tour, davon waren wir acht Stunden in Bewegung. Duschen ist ein Genuss. Und Essen, wir haben zwar nicht reserviert, aber man kennt uns schon, und wir bekommen einen Platz. 2700 Kcal Verbrauch auf der Tour zeigt mein Garmin an, Patrick hat weniger, logisch, er wiegt weniger, darf halt auch nicht so viel essen. Ein großer Salatteller, danach Semmel(n)knödel(n) mit Pfifferlingen. IMG_20160822_195805Um zehn schlafe ich wie ein Murmeltier.

30.-31.08.Transfer: Südtirol-Kehl

Gestern Abend haben wir natürlich gut gegessen und getrunken, es gab etwas zu feiern, wir haben nicht übertrieben. Vor dem Schlafengehen haben wir noch Tisch und Stühle in unsere Busse gestellt, Schmutzwäsche und Gepäck sortiert, der Wetterumschwung  ist nicht nur per App angekündigt, er zeigt sich auch rein optisch, die sicherere Wetterprognose, in diesem Fall nicht die schönere. Irgendwann nachts prasselt der Regen aufs Dach. Beim Umdrehen spüre ich die pralle Beinmuskulatur, es ist eher ein positives Gefühl beim Rückblick auf den vergangenen Tag, kein Schmerz. Schmerz ist eine Wahrnehmung in der Zentrale, die in dieser Nacht positiv belegt ist. Mit Regengetrommel im Ohr schlafe ich wohlig weiter. Am Morgen muss man natürlich irgendwann raus, trotz Regen, ein Schirm ist verfügbar und auch notwendig, es pisst reichlich.

Waschraum, Frühstück in der Bar des Campingplatzes, wir verabschieden uns vom geschätzten Servicepersonal und bezahlen an der Rezeption. Während ich die Annehmlichkeiten des Platzes lobe und mich bedanke, schaut unsere Lieblingsbedienung keck um die Ecke: „Und was werden wir jetzt ohne sie machen?“ Es ist halt beschissenes Wetter, wir ziehen weiter.

IMG_20180830_111819Müstairtal, Ofenpass, Vereinatunnel, Heidiland, Zürich-Westumgehung, Rheinfelden, Lörrach, in Staufen trinken wir Espresso, zähfließender Verkehr auf der A5. Kehl ist unser Ziel, wir sind auf dem Campingplatz angekommen und es bleibt noch etwas Zeit. Den Regen haben wir hinter uns gelassen. Also auf den Sattel. Wir fahren durch Rheinauen und Maisfelder Richtung Offenburg, dann an der Kinzig entlang zurück nach Kehl. Vierzig Kilometer in mittlerem Tempo, ideal um die Muskulatur zu lockern.

Am nächsten Morgen zeigt sich der Himmel ziemlich grau. Laut Wetterapp und Ausblick in die Umgebung und den Himmel darüber ist Fahrtrichtung Nord wohl am sinnvollsten. Wenn es ganz dick käme, wäre der Rückweg per Bahn möglich, aber nicht erwünscht. Zuerst fahren wir gen Osten  nach Appenweiher, diese Strecke kenne ich schon von früher. Das Epilepsiezentrum in Kork, einem Vorort von Kehl, wurde 1892 gegründet, und ist heute noch führend in der Erforschung dieser Krankheit. Weiter geht es Richtung Achern, Baden-Baden. Die Landschaft ist IMG_20180831_102851unterschiedlich: am Rande der Rheinebene, wo es hügelig ist, gibt es Obstgärten, Gemüsefelder, es ist abwechslungsreich. In der Ebene immer wieder Maisfelder, eher monoton, dazwischen aber auch kleine Flussläufe mit Waldsaum, Sumpfzonen, IMG_20180831_110609Störche in den Wiesen. Die Sendemasten von Baden-Baden lassen wir rechts liegen, wir haben jetzt schon 50km, und ich schlage den Rückzug vor.

Zwischen Greffern und Drusenheim setzen wir über den Rhein nach Frankreich über. Der Rheinradweg führt aber nicht am Rhein sondern an Straßen entlang durch mehr oder weniger attraktive Ortschaften. Erst kurz vor Straßburg bei Wantzenau wird es wieder angenehmer und schöner: Riedlandschaft, Wälder, Kanäle und kleine Bachläufe. Wir suchen uns unseren Weg durch den Hafen und landen schließlich in einem Bereich, den ich schon kenne. Im Jardin des Deux Rives jagen wir rechts und links über die Rampen zur geschwungenen Rheinbrücke, es tröpfelt schon. P1030795Und jetzt? Wir fahren noch zum Marktplatz nach Kehl in ein Straßencafé. Spaghetti für Patrick, für mich Espresso. Kaum sitzen wir, da trommeln schon die Tropfen auf die Sonnenschirme. Der Regen dauert länger, also noch einen Espresso für jeden. Was soll es, die letzten zwei Kilometer bis zum Campingplatz sind schnell bewältigt, und unter der Dusche wird man ohnehin nass.

Abends im Restaurant machen wir die Planung für Samstag: Wenn das Wetter mitspielt, fahren wir ins Renchtal, mich reizt die Oppenauer Steige, Kategorie 1 in der UCI-Wertung. Und wenn das klappt, fahren wir weiter!