14.01.2021: Training

In diesem Jahr habe ich wieder einiges vor: eine weitere Spendenaktion für Amnesty in Bewegung soll geplant und durchgeführt werden. Die Planung läuft noch ziemlich im Kopf, aber die Vorbereitung der Ausführung läuft schon, das Training hat begonnen. In Erwartung der Wintermonate erhielt ich von meiner Frau schon im Oktober ein vorgezogenes Geburtstagsgeschenk: einen Trainer von Tacx. Mein Tourenrad, das mich 2017 auf den Mont Ventoux trug, verstaubte seit über einem Jahr im Keller. Es ist reaktiviert, einige Adapter passten mein altes Velo an den modernen Trainer an.

So dient es jetzt als mein etwas widerborstiger Drahtesel, auch die 15 Kilogramm werden simuliert, kann beim Muskel- und Konditionsaufbau nicht schaden. Und Tacx liefert die Software. Mein Smartphone zeigt mir im Video die Strecke, die ich fahre, die Trainingssoftware und die Maschine simulieren Steigungsprozente und den entsprechenden Widerstand. Nur der Fahrtwind fehlt, es gibt keinen Gegenwind aber auch keinen Rückenwind.

Nach meiner Zwangspause im Herbst suche ich mir anfangs einfachere Touren aus: im Lechtal, in der Gascogne, in Ligurien. Schnell ist dann der Punkt erreicht wieder einen kleinen Pass anzutesten, den nächsten und… , wie wär’s mit dem Stilfserjoch, Stairway to Heaven? Im November schaffe ich es wieder, zwar nur virtuell, es ist jedoch nicht weniger anstrengend. Zwei entscheidende Vorteile gibt es jedoch, vom Wintergarten in die Küche sind es nur ein paar Meter zum Füllen der Wasserflasche. Und beim Pinkeln oberhalb der Baumgrenze brauche ich mich nicht zu genieren.

Über die Feiertage ist Patrick aus Zürich, mein leibhaftiger Trainer, im Hause. Zehn Tage seiner Quarantäne verbringen wir teilweise auf unseren Fahrrädern im Wintergarten. Einige Pässe in den Pyrenäen überfahren wir, zwischendurch leichtere Strecken in Frankreich.

Gute Freunde schenken mir zum Geburtstag den „Kahlen Berg“ von Lex Reurings und Willem Janssen Steenberg: ein neuer Ansporn. Ich bewundere diesen Berg, den Ventoux, und im Dezember bezwinge ich ihn auch wieder, diesmal von Süden her. Ich habe den Eindruck, dass ich sogar fitter bin als vor drei Jahren. Beim Lesen des Buches fällt mir auf, mit welcher Akribie sich manche Radfahrer auf diesen Hühnen von Berg vorbereiten. Da werden Trainingsprogramme, Nahrungempfehlungen, Übersetzungen vorgestellt. Ich war wahrlich unbedarft 2017 und hatte auch verdammt viel Glück mit dem Wetter. Als ich heute Nachmittag die Beschreibung der Tour des Buchautors lese, knüpfe ich mir meinen eigenen Artikel vor 6. September: Mont Ventoux.

Ich muss gestehen, ich sehe die Strecke vor mir, bin live dabei und durchleide mit dem Schreiber die letzten Kilometer in den gleißenden Schotterflächen bis zum Pass. Ich spüre die stechend schmerzenden Oberschenkel, verkrampfte Schultern, Arme, Handgelenke, den gebeugten Rücken, den ich bei 9% Steigung nicht mehr strecken kann, denn alle Kraft muss nach unten. Die Muskulatur der Waden zeichnet sich immer deutlicher unter der Haut ab, droht zu verkrampfen. Und dann ist der Pass erreicht. Frösteln, wegen des klatschnassen Trikots im Wind, und vor Stolz… mit einem wohligen Glücksgefühl, das warmes Blut durch alle Adern rinnen lässt.

Morgen steht wieder ein Pyrenäenpass auf dem Programm, Col de Peyresourde, mit Blick durchs Fenster auf verschneiten Garten. Es war der erste Hochgebirgspass, den die Tour de France überquerte, im Jahr 1910, ohne Schaltung bei bis zu 10% Steigung. Der Erfinder der Tour de France, Henri Desgrange, hielt damals noch Schaltungen als etwas für Invaliden und Frauen. Zum Glück haben sich sowohl Technik als auch Menschenbild weiter entwickelt. 1910 führte die Tour auf einer Etappe von 326 Kilometern Länge nacheinander über Col de Peyresourde,Col d’Aspin, Col du Tourmalet und Col d’Aubisque. Der spätere Sieger Octave Lapize beschimpfte die Organisatoren: „Vous êtes des assassins, oui, des assassins!“-„Ihr seid Mörder, ja Mörder!“ 326 Kilometer ohne Schaltung über vier Gebirgspässe, teilweise bei winterlichen Bedingungen, teilweise auf Schotterstraßen in 14 Stunden und 10 Minuten, er hatte wohl recht.

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Eine Hommage an Ernst Jandl

Im dämmrigen Licht des Schlafzimmers streife ich mir heute morgen meine neuen Socken über. Erst Stunden später, als ich auf Socken durch die Wohnung schlittere, bemerkt meine Frau ein Problem: „L“ und „R“ scheinen vertauscht.

Mit viel Mühe versuche ich das Problem zu lösen. Einen Umtausch will ich vermeiden, denn was soll er? Es funktioniert doch auch so. Ich lasse mir etliche Argumente einfallen: „Auch bei solchen Massenproduktionen gibt es mal Verwechslungen.“ – „Vielleicht wurden beim Verpacken die Seiten vertauscht?“ – „Wegen einem Paar Socken jetzt extra nach Saarlouis fahren!“ – „Die Arbeiterinnen in Pakistan haben solchen Stress, die können doch nichts dafür.“ – „Wegen des Lockdowns sind diese Läden sowieso geschlossen!“ Meine Argumente überzeugen zwar nicht, aber ich kann mich durchsetzen: Wir fahren nicht nach Saarlouis.

Zwei Stunden später habe ich die Lösung: ich zitiere Ernst Jandl:

„Manche grauben, lechts und rinks kann man nicht velwechsern. Werch ein Illtum!“

Vielleicht passt es ja auch so!

Auf jeden Fall werde ich in Zukunft darauf achten, mit welchem Fuß ich zuerst aufstehe, bisher war es eher rinks. In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein schönes neues Jahr. Es wird nicht alles immer ganz glatt laufen. Manche Probleme lassen sich lösen, manche Dinge kann man akzeptieren wie sie sind. Mein heutiges Problem wird sich wohl am Abend wie von selbst lösen.

30.11.20: Begegnungen

Vor vier Wochen , an einem der letzten richtig schönen Herbsttage starte ich am frühen Nachmittag, ich will Eier kaufen in Gerlfangen, deshalb mit Rucksack auf den Rücken. (Einmal hatte ich die 10er-Packung auf dem Gepäckträger verstaut, an diesem Abend gab es Rührei.)

Über den Hügel nach Rehlingen. Unten steht ein Feuerwehrauto, die jungen Leute neutralisieren eine Ölspur. Ich erläutere ihnen den Ölfleck oben auf der Anhöhe, den ich gerade passiert habe. „Wir kümmern uns darum!“ Erst ein paar Minuten weiter realisiere ich, dass sie eigentlich ein Trinkgeld verdient hätten, gerade Zweiradfahrer dürfen sehr froh sein über diese Dienste unserer Freiwilligen Feuerwehr.

5 Kilometer weiter überholt mich ein anderer Zweiradfahrer, ich hörte ihn von weitem, dachte er führe auf der Autobahn. Als er mich in Höhe Mechern überholt, schmerzen mir die Ohren. Er fährt mit rund 200Kmh in 45°-Lage durch die leichte Kurve, meine zu einem Kreis geformten Daumen und Zeigefinger kann er mit Sicherheit nicht mehr sehen.

Auf dem Saarradweg an Merzig vorbei überhole ich eine junge Familie. Oft scheue ich mich zu läuten und pfeife den Blaumeisengesang „Tsi Tsi Dä“, „Tsi Tsi Dä“. Den kriege ich ganz gut hin, meine Frau hat nach meinem Trällern im Garten schon nach oben in den Baum geschaut. Die Frau der überholten Familie ruft mir nach: „Sie haben aber eine schöne Klingel“. Nicht einmal fünf Minuten später überhole ich ein Paar mit Gepfeife, und schon wieder die Antwort: „Die Klingel ist aber melodisch“. Heute scheinen alle gut drauf zu sein. Ich habe auch schon andere Reaktionen erlebt: „HABEN SIE KEINE KLINGEL?“ Doch, die habe ich. Aber das Pfeifen ist stressfreier. Wenn’s enger wird, pfeife ich die Melodie des italienischen Krankenwagens, oder den Schrei der südostaustralischen Kampfralle.

Weiter die Saar entlang bis Besseringen, dann Richtung Westen, es geht aufwärts. In Büdingen auf einer kleine Straße mit 14% Steigung kommen mir eine alte Frau gestützt und geführt durch einen Jungen entgegen. Im Dorf ist es üblich auch den Fremden zu grüßen. Ich keuche: „es ist doch wirklich schön, solch eine Hilfe zu haben!“ Da ich nur sehr langsam vorankomme höre ich noch:“Was hatt’er gesagt?“- „Es ist schön, Hilfe zu haben.“ Und dann richtig laut die alte Dame: „OH, JA!“ Kurzer Dialog, und drei freuen sich. Von dieser Seite her ist der Aufstieg zu den Steinen an der Grenze der steilste, ich fahre ihn heute zum dritten Mal und wundere mich, wie schnell oder besser gesagt, wie gut ich hochfahre.

Oben der Blick nach Westen Richtung tiefstehender Sonne, es wird schon kühler, winddichte Jacke über das nassgeschwitzt Trikot für die Abfahrt. Circa vier Kilometer rasen, dann wieder steil bergauf, Reißverschluss wieder öffnen. Es sind noch Eier in Seiwerts Eierstübchen, ich lege 3,50 in den Briefumschlag und nehme den Zehnerpack aus dem Kühlschrank, ab in den grünen Rucksack. Noch eine Viertelstunde vorwiegend bergab bis nach Hause. Es dämmert schon. Durchgeschwitzte Klamotten in die Waschküche, und jetzt eine wohlig warme Dusche, welch ein Luxus!

Ars longa, vita brevis, Langspielplatte

Dieser Begriff wird dem altgriechischem Arzt Hippokrates zugeschrieben, dem Mann, dem auch der bekannte Eid zugeordnet wird, ein Eid den man als Arzt heutzutage nicht leistet, der aber Grundlage des ärztlichen Handelns sein kann, sein sollte.

„Die Kunst währt lang, das Leben ist kurz“ ist die einfache Übersetzung des Ausspruches. Er beinhaltet jedoch mehr: der griechische Begriff sieht das Schaffen, das, was man hervorgebracht hat, also deutlich mehr, als das, was wir unter Kunst verstehen. Der römische Philosoph Seneca übersetzte ins Latein, und zog seine Folgerungen, ein Buch mit 20 Kapiteln. Zusammengefasst: nicht das Leben ist kurz, man muss was daraus machen. Der Geschäftige vergeudet die Zeit mit dem Ansammeln von Dingen, mit der Jagd nach Befriedigung seiner Begierden, der Faule nimmt mit seiner Tatenlosigkeit den Tod vorweg. In Muße leben, sich Gedanken machen über Vergangenheit und Zukunft, das macht ein erfülltes Leben aus. Ich philosophiere dazu, dass jeder für sich seinen eigenen Weg suchen muss. Es gibt kein Allheilmittel, keinen goldenen Weg. Die Gedanken Senecas sind jedoch durchaus lesenswert und anregend, selbst wenn seine Abhandlungen vor fast 2000 Jahren geschrieben sind.

Ich war immer optimistisch während der letzten Monate. Aber auch nach gut überstandener Nieren-OP, macht man sich ganz grundsätzliche, auch philosophische Gedanken. Was bleibt nach dem eigenen Leben? Es gab Menschen und es gibt Menschen. die auch nach ihrem Tod in dauernder Erinnerung bleiben: Dichter und Denker, Despoten , ich befürchte, selbst ein Trump wird in hundert Jahren noch Erwähnung finden, ich sicherlich nicht. Wird wohl auch nicht so schlimm sein, ich werde es verkraften können. Oder man gründet mit seinem Vermögen eine Stiftung wie Alfred Nobel, der sein Geld mit Dynamit, sich aber auch Gedanken um den Frieden in der Welt machte.

Mitte Oktober in Mannheim: schon mehrmals war ich in einem Plattenladen mit antiquarischem Vinyl, es zieht mich mal wieder dorthin. Ich bin fündig, eine LP von The Nice mit Keith Emerson am Keyboard, von 1968. “ Ars longa, vita brevis“ ist einer der Titel. Damals, Ende der sechziger, mit Lateinuntericht im Hintergrund, waren wir begeistert. Der Titel verband progressiven Rock mit unserer tagtäglichen Paukerei. The Nice, Emerson, Lake and Palmer, höre ich heute noch gerne.

In den letzten beiden Wochen hatte ich einige Kontrolluntersuchungen. Ich fühle mich so munter, dass ich manchmal denke: „Was soll das ganze Diagnostizieren?“ Nüchtern betrachtet macht es natürlich Sinn. Vor allem, wenn man dann nur positive Ergebnisse erfährt. Beim CT hört eine ehemalige Patientin meine Stimme und kommt während des Hereinschiebens in die Röhre in den Raum, der Schlitten wird gestoppt. Sie weiß von meinem Tumor. „Herr Klein, wie geht es Ihnen?“- „OP gut überstanden, eine Niere weniger, bis jetzt sieht es richtig gut aus. Ich bin optimistisch, habe mir vor zwei Wochen eine Langspielplatte gekauft, ich denke, es hat sich gelohnt.“-„Mensch, bleiben sie so positiv!“ Ich verschwinde im Rohr. Die Geräusche erinnern mich an Kraftwerk: „Radioactivity“, passt zum Knochenszintigramm ein paar Tage später.

Ich bleibe positiv und trainiere für das kommende Jahr. Ich setze darauf, dass ein Impfstoff die Infektionsraten senken wird und wir uns Mitte 2021 wieder freier bewegen können. Dann werde ich wieder eine Aktion für „amnesty in Bewegung“ machen. Das Training hat bereits begonnen. Und die Überlegung läuft seit einem Tag nach meiner OP: „Wie toppe ich die Deutschlandtour im letzten Jahr?“ „Hang on to a Dream“, ist der Titel der LP. It’s so nice.

Gedankensprünge: Plagiate

In den letzten Tagen sind Plagiate wieder Thema in der Politik geworden. Als ich vor rund vierzig Jahren an meiner Doktorarbeitet schrieb, machte ich mir über dieses Thema überhaupt keine Gedanken, vielleicht war mir nicht einmal das Wort „Plagiat“ ein Begriff. Ein Großteil meiner Arbeit war ohnehin der Aufbau von Versuchsanordnung, Auswahl von Probanden, Durchführung von Messungen, deren Auswertung und Einordnung der Ergebnisse. Natürlich habe ich auch reichlich Literatur über mein Thema gelesen und in die Arbeit eingearbeitet. Ich glaube, dass ich fremde Passagen korrekt zitiert habe. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es beim Verfassen einer mehr literaturbasierten Arbeit vorkommen kann, dass man Gedankenabläufe, Theorien, die man innerhalb eines längeren Zeitraumes mehrmals gelesen hat, die man selbst nachvollzogen hat, dass man diese dann als eigene Ideen wahrnimmt. Es ist allerdings heute möglich Textpassagen per Datenverarbeitung mit bereits vorhandenem Material zu vergleichen. Das kann man prophylaktisch tun, oder um jemanden mit einem Plagiatsvorwurf zu diskreditieren. Das gab es vor 40 Jahren noch nicht.

Eigentlich wollte ich ja gar nichts so ernsthaftes schreiben. Auf SR2 hörte ich heute Morgen die Sendung Zeitzeichen zum 125. Geburtstag des Komponisten Paul Hindemith. Dabei wurde sein Ausspruch zitiert. „Amerika, das Land der begrenzten Unmöglichkeiten“. Ob der Spruch von ihm persönlich stammt, ist nicht belegt, ich glaube eher nicht. Aber jetzt fiel bei mir der Groschen: ein Gedankensprung:

Schon 2016 gab es Plagiatsvorwürfe gegen Melania Trump, die in der Nominierungsrede für Donald Passagen aus einer Rede von Michelle Obama aus dem Jahre 2008 verwendet haben soll. Das hörte sich vermutlich gar nicht mal so schlecht an. Das eigentliche PLAGIAT ist aber Donald Trump selbst. Obwohl er Hindemith vermutlich nie getroffen hat, ist er die Inkarnation des begrenzten Unmöglichen. Den Beweis führt er tagtäglich selbst: er benimmt sich absolut unmöglich, und begrenzt, da gibt es inzwischen keine Zweifel mehr.

Gedankensprünge: SiersburgerInnen

Wir alle kennen Hamburger. Viele Dinge, sind nach Städten oder Regionen benannt: Wiener, Moskovskaya, New Yorker, oft sind es Lebensmittel. Eurer Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, ein schönes Spiel beim gemeinsamen Abendessen. Nach einem Ausrutscher in einem Berliner Hundehaufen habe ich den Begriff Charlotten-Burger erfunden, war echt Scheiße auf dem Weg zum Abendessen, so etwas kann mir den Appetit verderben. Und es verdirbt meine Sichtweise auf Hundehalter, nein, ich darf jetzt nicht verallgemeinern.

Aber was sind Siersburger? Hier gibt es nur eine Interpretation: es sind die Einwohner von Siersburg, meinem Wohnort.

Die Idee zu diesem Beitrag wuchs vor über einem Jahr, nach einem Info-Stand für Amnesty International auf dem Siersburger Marktplatz. Ein Mann mittleren Alters nahm Anstoß am Engagement für die venezolanische Bevölkerung, für die Menschen, die in die Nachbarländer flüchten. Amnesty sei ,wie die UNO, nur ein Werkzeug der USA, um ihre Interessen durchzusetzen. Dieses Argument kenne ich seit Jahrzehnten: in den siebziger Jahren wurde die Menschenrechtsorganisation einerseits vom britischen Geheimdienst überwacht, weil sie angeblich vom KGB gesteuert sei. Im gleichen Zeitraum wurden russische Amnesty-Mitglieder genau durch diesen Geheimdienst ins Arbeitslager geschickt. Und jetzt arbeite ich halt mal für den CIA. Man gewöhnt sich über die Jahre daran, dass man aneckt, wenn man sich für die Einhaltung von Grundrechten in aller Welt einsetzt. Obwohl ich nur ein unbedeutendes Mitglied von Amnesty International bin, würde ich in viele Länder der Welt nicht reisen wollen, vielleicht würde ich auch kein Visum erhalten, denn es sind schon zu viele Briefe von mir dort angekommen.

Na gut, der „gute“ Mann sah mich als vom CIA ferngesteuerten „Spiegel“-lesenden Lehrer, was alles nicht zutrifft, und verabschiedete sich mit der Bemerkung, dass sich die Deutschen sowieso abschaffen. Worauf ich ihm nur noch kurz erwidern konnte, dass Deutschtümelei hier im Saarland nicht unbedingt so angebracht sei, „was ist deutsch, und wie typisch deutsch sind wir Saarländer eigentlich?“ Dieses unbefriedigende Gespräch, Geschwätz, habe ich mit nach Hause genommen und mit mir herumgetragen.

Geboren bin ich im gallischen Dorf KLEINbonum, auch Bous genannt. Der Name stammt wohl aus dem Keltischen und steht für Hügel, Erhebung. Aus der gleichen Wurzel stammen wahrscheinlich das umgangssprachliche deutsche Wort „Bausen“ und das französische „bosse“, was „Buckel“ bedeutet. Im Gegensatz zu Kleinbonum wurde Bous auch von Römern besiedelt. Mein Geburtsort ist also ursprünglich nicht im germanischen Sprachgebiet gelegen, wobei auch dieser nicht über die Jahrhunderte eindeutig definiert werden kann. Ich will und kann hier keine wissenschaftliche Abhandlung schreiben, deshalb ein Scherz zum Schluss: Der Vater meines Brieffreundes in der Normandie machte sich manchmal über mich lustig mit der Bemerkung: „Wenn ich deine dunklen Augen sehe, glaube ich, dass die Hunnen auch mal im Saarland waren.“ Es waren nicht nur die Hunnen.

Ich war gerade einmal ein Jahr Mitglied bei Amnesty International, als ich zur Jahreshauptversammlung nach Berlin fuhr. Und dort wunderten sich zwei Personen, dass ich als Saarländer so gut deutsch sprach. Sie irritierte nicht mein Dialekt, sondern, dass nicht Französisch meine Muttersprache war. So war auch ich verwundert, was mir jedoch keine weiteren Sorgen bereitete. Immerhin waren wir Saarländer im „Reich“, wie es die älteren nannten, wohl doch akzeptiert.

Zurück zu den SiersburgerInnen. Mehrmals wöchentlich gehe ich Brot kaufen bzw. samstags zum kleinen Wochenmarkt. Auf dieser Strecke von circa 200 Metern begegne ich immer wieder einigen Leuten, manchen regelmäßig, anderen sporadisch. Auf diesem kurzem Weg wurde mir bewusst, welch unterschiedliche Hintergründe bzw. Herkunft die Menschen haben, die ich unterwegs treffe.

Der ältere Herr, der seit Jahren gegen 7.15 Uhr mit seinem Hund die Runde dreht ist Niederländer. Ich begegne der jungen Frau aus Rumänien , die schon jahrelang mehrere alte Menschen in unserem Viertel pflegt. Sie ist immer freundlich: „Wie geht es Ihnen, Herr Klein?“ – „Danke gut, was machen die Kinder?“ Vor der alten Post steht ein PKW mit englischem Kennzeichen, aus Wales. Ist wohl ein Kelte wie die Bouser, oder, wie ich ironisch vermerke, ein Pole , der sich rechtzeitig vor dem Brexit aufs Festland zurückgezogen hat. Mein Nachbar fährt im Auto mit luxemburger Kennzeichen zur Arbeit ins Nachbarland. Auf dem Marktplatz verkauft ein Inder Kleidung, ein Dudweilerer Fisch, ein Mann italienischen Ursprungs Honig, ein Franzose Brot und Kuchen, die Lisdorfer natürlich Gemüse. In der Bäckerei bedient mich die junge Frau deren Familie aus dem Kosovo stammt, die Chefin ist Französin, und wenn ich richtig informiert bin, lernt zur Zeit eine junge Dame aus Syrien den BäckerInnenberuf in der Backstube. Ein Eritreer trinkt dort Kaffee, woher stammt dieses Getränk ursprünglich? Vor der Sparkasse treffe ich den jungen Mann mit türkischen Wurzeln, er hat gerade seinen Arbeitsplatz bei einem Automobilzulieferer verloren, aber er ist guter Dinge, will nach Luxemburg, ich bin mir sicher, dass er bald eine neue Stelle findet, bei seinem Elan.

Dann mein nächster Gedankensprung: Ich bin im Saarland geboren, ich hatte gerade gelernt mit dem Geld, dem Franc, umzugehen und zu rechnen, da gab es eine kleine Wiedervereinigung. Mit fünf musste ich beim Einkaufen auf Mark umstellen, denn ich wohnte jetzt zwar immer noch in der Winkelstraße, aber in der Bundesrepublik . 30 Jahre später gab es eine weitere Wiedervereinigung, jetzt heißt unser Staat Deutschland. Meine Nachbarin ist in der DDR aufgewachsen, bevor sie in die BRD auswanderte, auch sie wohnt jetzt in Deutschland. Lauf der Geschichte, vieles wandelt sich.

Er kleiner Junge mit seinem Papa begegnet mir, sein Redefluss plätschert unaufhaltsam dahin, auf deutsch, hin und wieder macht der Vater einen kleinen Einwurf auf arabisch. Der Junior der Familie an unserer Straßenecke fährt einen spritzigen Fiat. 30 Meter weiter erzählt mir Jakob von den Erlebnissen seiner jungen Jahre, als er in Paris arbeitete.

Ganz schön vielschichtig und deshalb so interessant. Und was sind sie alle? Nicht Würstchen, nicht Käsesorte, keine Verhütungsmittel und keine Kleidungsstücke, sondern einfach nur meist nette BürgerInnen von Siersburg.

Die Aufnahmen habe ich gestern auf einer Radtour entlang der Saar und zurück über den Saargau gemacht. Die Gedanken und etliche mehr entwickelten sich bei vielen Ausflügen im Laufe des Jahres. Ich habe den Text begonnen während meines Krankenhausaufenthaltes in Homburg, dort sahe ich besonders eindrücklich, wie wichtig die Menschen unterschiedlicher Herkunft für unsere Gesellschaft sind.

Wetterwechsel

Eine Anmerkung vorweg zur Beruhigung: Es geht mir gut. Es folgt die Geschichte einer Erkrankung, die keine Kleinigkeit war, die ich aber erstaunlich gut überstanden habe.

Selten habe ich einen solch eindrucksvollen Himmel auf meinen Ausfahrten über den Saargau erlebt, manchmal zwischen den Schauern hindurch gefahren, oder auch im Nieselregen. So richtig erwischt hat es mich noch nicht. Wie im richtigen Leben. Und dann kommt plötzlich der Donnerschlag. Nein nicht aus heiterem Himmel, ich bin nicht mehr jung. Ich habe schon Einschläge in der Umgebung erlebt. Doch jetzt soll es mich treffen?

10. Juli: Nach einem entspannten Tag mit Einkaufen am Vormittag, Gartenarbeit, sitze ich bei einem Weizenbier in der Küche und rebele Bohnenkraut, das ich zwei Wochen trocknen ließ. Bohnenkraut als ein Bestandteil meiner „Herbes du Jardin“, natürlich bei Bohnengerichten, vor allem bei grünen Bohnen, liebe ich. Manchmal wird auch Oregano durch dieses Kraut ersetzt. Das Weizenbier treibt mich zur Toilette, ich erschrecke, denn ich sehe eine Menge Blut im Urin. Ich fahre, jetzt schon etwas fahrig, mit meiner Arbeit fort, während mir viele Gedanken durch den Kopf jagen. Nach langen Radtouren habe ich schon mal etwas Rötung im Pipi erlebt, oder nach dem Genuss von Roten Beeten, aber nie so intensiv. Ich versuche Ordnung in meinen Denkablauf zu bringen, was mir nicht gelingt, denn zunehmende Schmerzen, die bis zu einer Kolik auswachsen, hindern mich daran. Meine Frau fährt mich zur Notaufnahme in die Klinik: EKG, Ultraschall, Computertomografie ergeben einen Verdacht auf NIerentumor. Die Kolik ist inzwischen vorüber, mit einem Rezept für ein starkes Schmerzmittel fahren wir nach Hause, ich werde es am Tag danach bei der nächsten Schmerzattacke brauchen.

In den danach folgenden beiden Wochen reihen sich die Arzttermine aneinander: Ultraschall, CT mit Kontrastmittel, Blutentnahmen, Blasenspiegelung, Vorbesprechung in der Urologie. Die Diagnose steht: Tumor in der linken Niere; die Therapie ist besprochen: Entfernung des Organs am 18. August.

2017 habe ich im Rahmen einer Spendenaktion den Ventoux erklommen, 2018 Stilfserjoch (Stairway to Heaven), Umbrail- und Reschenpass, 2019 die Tour quer durch Deutschland wieder für amnesty. 2020 sollte etwas ruhiger abgehen. Dann überraschte uns alle zuerst ein winziger Virus. Seit 10. Juli kämpfe ich nicht gegen Kilometer und Höhenmeter, in diesem Jahr kämpfe ich für mich. Ich habe beschlossen, diese Herausforderung in Ruhe mit möglichst großer Gelassenheit anzugehen. Nein, ich recherchiere nicht im Internet über Operationsverfahren, Risiken, Überlebensraten. Ich ziehe meine alten Physiologie- und Pathologiebücher zu Rate. Nieren? Solange sie funktionieren, nimmt man sie nicht wahr. Ansonsten verlasse ich mich auf meine Ärzte. Daneben gilt es, für die anstehende Operation fit zu sein. Radfahren und Wandern sollen meinen Kreislauf stärken. Einige hundert Kilometer fahre ich über den Saargau und das angrenzende Lothringen, bewältige etliche Höhenmeter, um die Blutbildung anzuregen, zum Ausgleich des latenten Blutverlustes aktuell und während der Operation. Immerhin fühle ich mich trotz Krankheit in guter Form. Als ich von einer amnesty-Mitarbeiterin angerufen werde mit der Bitte, für einen venezolanischen Gewerkschafter aktiv zu werden, sage ich ohne Bedenken zu, die Welt dreht sich weiter. Ich will auch in Zukunft dazu beitragen, dass sie einigermaßen rund läuft.

Am 17. August, nach dem Corona-Test machen wir eine Wanderung am Hombuger Schlossberg. Fast fünf Jahre lang habe ich während des Studiums und anschließender Assistenzzeit in dieser Stadt gewohnt, trotzdem kann ich noch neue Dinge über die Geschichte dieser Region erfahren. Wir kommen auch an der Karlsberg-Quelle vorbei, dort fließt kein Bier und nur ein klägliches Wasserrinnsal, es regnet aber immerhin. Nach der Trockenheit der letzten Wochen kann man sich sogar auf einer Wanderung über Regen freuen.

18. August, gegen acht Uhr morgens liege ich auf dem OP-Tisch, letzte Vorbereitungen des Anästhesisten-Teams. EKG ist angeschlossen, ein venöser Zugang liegt im Arm. Mein Puls liegt bei 54/min, die Ärztin wundert sich. „Das ist mein Ruhepuls, etwas darüber, ich fahre Fahrrad“ -„Sind Sie nicht aufgeregt?“ -„Nein, ich vertraue Ihnen, Sie werden Ihr Bestes geben und auch der Operateur.“-„Das sind gute Vorausetzungen. Jetzt atmen Sie bitte tief und gleichmäßig durch die Maske!“ … Als ich aufwache, brauche ich nur einige Sekunden, um zu realisieren, dass ich nicht im heimischen Bett liege. Nach einigen Blicken und kleinen Bewegungen sehe ich etliche Schläuchlein am Arm, spüre Spannungen in der Bauchdecke, den Blasenkatheter. „Schon alles erledigt?“-„Ja, alles gut gelaufen, wie fühlen Sie sich?“ – „Ganz gut, keine Übelkeit, kein Schmerz, erleichtert, im wahrsten Sinne des Wortes.“ Ich kann sogar schon lachen. In den nachfolgenden Tagen werde ich mir das verkneifen, denn es verursacht ordentlich Schmerzen in den Nähten am Bauch. Wir unterhalten uns über die Wanderung am Schlossberg, über Leicks Hof in Siersburg, den Bliestalradweg, der Pfleger ruft meine Frau an, die ich vorab nicht mehr informieren konnte, dass ich als erster dran bin, es ging alles so schnell.

Dienstagnachmittag und Mittwochmorgen: Beobachtungsstation. Ich bin erstaunt, wie fit ich mich fühle, merke aber auch, dass ich zwischendurch mal wieder eine Stunde geschlafen habe. Die Nacht ist etwas unruhig, weil mein Monitor immer piept, sobald ich einen Puls von 50 unterschreite, Schmerzen habe ich nur, wenn ich mich im Bett bewegen will, ich habe auch keinen Hunger, obwohl ich seit Montagabend nichts gegessen habe. Das sind noch Nachwirkungen der Narkose. Irgendwann habe ich mal geschrieben, dass bei langen Bergauffahrten der Punkt erreicht wird, wo ich fast wie in Trance nur noch die Signale des Körpers wahrnehme, Atmung, Pulsschlag, Schweiß, Durst; jetzt ist es ähnlich.

Ich bekomme mit, wie es anderen Patienten dieser Station geht, was sie durchgemacht haben und noch durchmachen. Ich kann mich glücklich schätzen. Während der Wachphasen unterhalte ich mich viel und intensiv mit meinem Bettnachbarn, ein junger Mann, der in seinem Leben schon einige Erfahrungen in puncto Medizin machen musste. Wir führen interessante Gespräche von Corona bis Trump, von der hervorragenden Empathie des Pflegepersonals bis zu den nächsten Reiseplänen. Wir werden beide zuversichtlich in die Zukunft schauen. Vielleicht werden wir uns mal wieder begegnen und eine Tour in der Westpfalz machen; er im Rollstuhl, ich auf dem Fahrrad.

Es ist viel los an diesem Mittwoch, es ist halb zwei als ich auf die normale Station gefahren werde. Ich frage Pflegerin und Pfleger, die mein Bett schieben, wann sie denn Feierabend haben, sie waren doch schon vor fünf da. „Um zwölf“, lautet ihre Antwort. Ich bedanke mich für ihre Arbeit. Inzwischen sind Blasenkatheter, intraarterielle Kanüle, EKG-Elektroden, Blutdruckmanschette und alle venösen Zugänge bis auf einen entfernt. Ich darf aufstehen und mich etwas frisch machen. Ein erster angenehmer Schritt zur Normalität, wenn er auch etwas schwer fällt mit Bandage über dem rechten Handgelenk und Zug auf den Nähten am Bauch. Es fühlt sich an wie ein Mammutmuskelkater in den Bauchmuskeln.

Visite am Donnerstagmorgen mit der erfreulichen Botschaft, dass ich morgen nach Hause darf, wenn sich alles so weiter entwickelt. Die ÄrztInnen sind mit meinen Blutwerten und meinen Erscheinungsbild zufrieden. Danach dusche ich, ziehe meinen bunten Schlafanzug anstelle des Umhanges an. Zwei Pflegerinnen freuen sich mit mir über mein neues Outfit: „Ein neuer Herr Klein in Zimmer 908.“ Es stimmt, ich schmiede schon Pläne. Der Bodensee-Radmarathon sollte wegen Corona auf Oktober verschoben werden, bis dahin werde ich sicherlich fit genug sein. Meine Recherchen am Laptop ergeben, dass er komplett abgesagt wurde, ist wohl besser so.

Freitagmorgen holt mich meine Frau an der Klinik ab. Noch keine zehn Meter jenseits der Tür setzt sich eine Wespe auf meinen Arm, und fliegt weiter. Ich habe wohl mal wieder Glück gehabt. Dieser Berg ist überwunden.

An der Abfahrt vom Mont Ventoux stand das Schild „Prudence“ (Vorsicht). Ich werde es beherzigen und die Dinge langsam angehen. Ein bisschen im Garten ernten, bücken kann ich mich noch nicht gut, selbst Schuhebinden fällt schwer. Von Tag zu Tag werde ich beweglicher. Wandern über ein paar Kilometer ist angesagt, für den Kreislauf. Radfahren stelle ich noch zurück. Im Innern ist immerhin ein ordentlicher Defekt, der noch verheilen muss, da wäre ein Sturz sehr abträglich. Also Tour de France im Fernsehen, auch nicht schlecht, habe inzwischen etliche Streckenbschnitte wiedererkannt, manche sogar schon einmal mit dem Fahrrad gefahren.

Im Leben gilt es Hindernisse zu umgehen und auch Schwierigkeiten zu überwinden. Wenn man von vorne herein alles komplett überschauen könnte, würde man ja von Anfang an das Ende sehen. Dann doch lieber mal einen Berg.

6. September: Endlich mal wieder Radfahren. Ich habe über zwei Wochen verzichtet. Ich fühle mich wie ein Vogel , der wieder seine Freiheit erlangt.

10. September: Der Bericht der Pathologie sieht gut aus. Engmaschige Kontrollen werden folgen, ich darf guter Dinge sein. Und im kommenden Jahr darf ich dann sicherlich wieder an schwungvollere Namen denken: Galibier, Tourmalet oder Iséran klingen wahrlich besser als Nephrektomie.

Liebe zu Frankreich: Chanson, Ma Solitude

Kontaktsperren, Ausgehverbote, häusliche Quarantäne, geschlossene Restaurants und Cafés, es sind vollkommen neue Erfahrungen für unsere Generation und auch die Jüngeren. Es sind Zeiten der Isolation, die auch Einsamkeit hervorrufen können.

Einsamkeit? Vor gut einem Jahr las ich mehrere Bücher über Radfahren und seine Philosphie, Beschreibungen von Menschen, die bis nach Moskau oder in den Togo per Fahrrad unterwegs waren. In einem dieser Bücher veranschaulichte der Autor seine Sicht der Einsamkeit und differenzierte: Einsamkeit als ein Gefühl des Verlassenseins, des Alleinseins. Ohne Hilfe und Unterstützung da zu stehen, ist sicherlich extrem belastend. Dieser Zustand ist wohl auch meist nicht bewusst gewählt und währt per se länger als gewollt, er ist traumatisch. Es gibt aber auch eine andere Form der Einsamkeit, der Autor nannte sie Solitüde, er meint damit die freigewählte Einsamkeit, um Ruhe zu finden, zu sich selbst zu finden, zu philosophieren. Ich habe nach einer Begriffserklärung zur Solitüde im Internet gesucht, aber nichts konkretes gefunden, wobei als Suchergebnis immer wieder Schloss Solitüde ins Auge fiel, das vielleicht auch als Rückzugsort gedacht war, aber nicht um dort allein zu sein, eher ungestört.

Auf meinen Radtouren kann ich immer wieder diese Erfahrung der Soltüde machen. Ich bin mit mir allein unterwegs, die Gedanken schweifen, es gibt auch Momente der Gedankenlosigkeit mit einer Art Erwachen, mit einer Idee, die genauso schnell verschwinden kann, wie sie aufgetaucht ist, weil bedeutungslos. Sie kann jedoch auch anhaltend nachwirken. Die Situation ist absolut zwanglos. Manchmal denke ich später, dass ich um so mehr entrückt war, je mehr ich mich anstrengen musste. (Runners High?)

Wenn ich mir überlege, dass einige Personen, die in den wichtigen Religionen der Welt nicht unbedeutend sind, in der Isolation, der selbstgewählten oder auch aufgezwungenen Einsamkeit, zu „ihrer“ Erkenntnis gekommen sind. Moses war etliche Tage im Sinai unterwegs, es hatte Zoff gegeben, und er fand in der Einsamkeit die Lösung: sieben klare Gebote, wie man sich gegenüber seinen Mitmenschen zu verhalten hat. Und weil Mitmenschlichkeit allein nicht zur Vernunft reicht, setzt er drei göttliche Regeln obendrauf: das wirkte, denn sonst drohten Sanktionen von oben. Buddha wanderte als Asket sechs Jahre durch die Gangesebene auf dem Weg zur Weisheit. Auch Mohammed verbrachte Monate isoliert, um Buße zu tun, und seine Offenbarungen zu erhalten. Es scheint tatsächlich in der Solitüde recht kreative Phasen zu geben. Ich habe bisher noch keine neue Religion gegründet, meiner Meinung nach sind tausend vorhandene gerade mal tausend zu viele, die Grundidee oft vielversprechend, in der Praxis missbraucht, da halte ich mich mal lieber raus.

Aus einem früheren Beitrag geht hervor, dass ich den Chansonnier Georges Moustaki sehr schätze, und sein Chanson „Ma Solitude“ ist eines meiner Lieblingsstücke. Wer es hören möchte, hier der Link: https://www.youtube.com/watch?v=G4TBlPc18SM

Hier der Originaltext mit meiner Übersetzung und den Gedanken, die ich mir dazu mache:

Ich habe in einigen Diktionären nach der Übersetzung von „Solitude“ gesucht und fand: Einsamkeit, Abgelegenheit, Zurückgezogenheit, Abgeschiedenheit, Vereinsamung. Das bedeutet, dass diese Wort in der französischen Sprache sehr differenzierte Bedeutung hat. Ich bin überzeugt davon, dass Georges Moustaki in seinem Chanson mit der Mehrdeutigkeit des Begriffes mehr als nur gespielt hat, ich denke, er hat die Zwiespältigkeit darstellen wollen.

Pour avoir si souvent dormi

Avec ma solitude

Je m’en suis fait presqu’une amie

Une douce habitude

Nachdem ich so oft mit meiner Einsamkeit schlief, ist sie mir fast zur Freundin geworden, zur zarten Gewohnheit

Vielleicht legt hier zu Beginn des Chansons eine leichte Warnung vor Vereinsamung

Ell’ne me quitte pas d’un pas

Fidèle comme une ombre

Elle m’a suivie ça et lá

Aux quatre coins du monde

Sie weicht mir nicht von der Seite, anhänglich wie ein Schatten, sie ist mir überallhin gefolgt, bis zu den Enden der Welt

Auf dich allein gestellt, kannst du zu den Enden der Welt reisen, ohne jede Verpflichtung, das klingt dann schon positiver

Non, je ne suis jamais seul

Avec ma solitude

Nein ich bin nie allein, in meiner Abgeschiedenheit

Quand elle est au creux de mon lit

Elle prend toute la place

Et nous passons de longues nuits

Tous les deux face à face

Je ne sais vraiment pas jusqu’oú

Ira cette complice

Faudra-t-il que j’y prenne goût

Ou que je réagisse?

Wenn sie in der Kuhle meines Bettes liegt, raubt sie mir den Platz, und wir verbringen lange Nächte, von Angesicht zu Angesicht

Ich weiß wahrhaftig nicht, wie weit diese Komplizin gehen will, soll ich Gefallen an ihr finden, oder muss ich mich wehren?

Hier bringt Moustaki die Ambivalenz des Wortes Solitude intensiv: eine Art Geborgenheit in der Abgeschiedenheit des kuscheligen Bettes. Dem steht gegenüber, allein in einem Bett zu liegen, einsam.

Den Reim in dieser vorangegangenen Strophe finde ich genial. Moustaki beherrscht die französische Sprache perfekt. Nicht zufälligig hat er für Edith Piaf, Juliette Gréco, Yves Montand, Barbara, Dalida u.a. Texte geschrieben. Geboren in Ägypten als Sohn griechischer Exilanten sprach er Italienisch, Arabisch, Französisch und Englisch, Sprachtalent sicherlich vorhanden, als Jugendlicher besuchte er das Lycée Français in Alexandria.

Non, je ne suis jamais seul

Avec ma solitude

Nein,ich bin nie allein, in meiner Einsamkeit

Par elle, j’ai autant appris

Que j’ai versé des larmes

Si parfois je la répudie

Jamais elle ne désarme

Durch sie habe ich so viel gelernt, dass ich Tränen vergossen habe, und wenn ich sie manchmal verstoßen habe, hat sie niemals aufgegeben

Et si je préfère l’amour

D’une autre courtisane

Elle sera à mon dernier jour

Ma dernière compagne

Und wenn ich die Zuneigung einer anderen Liebhaberin vorziehe, wird sie an meinem letzten Tag meine letzte Gefährtin sein

Non, je ne suis jamais seul

Avec ma solitude

Non, je ne suis jamais seul

Avec ma solitude

Nein ich bin nie allein, in meiner Einsamkeit, nein ich bin nie allein, in meiner Abgeschiedenheit

Georges Moustaki ist 2013 im Alter von 79 Jahren gestorben. Er starb an einer Lungenkrankheit, die ihn schon seit Jahren plagte. Er hatte auch im Alter noch viele Freunde. Seinen letzten Weg ging er jedoch“seul, avec sa solitude“ und vermutlich in Begleitung eines Beatmungsgerätes. Beigesetzt ist er in Paris auf dem Friedhof Père Lachaise in einer Familiengruft.

Gedankensprünge: Für Freiheit kämpfen

tituliert sich mein Blog. Es geht nicht nur um eigene Freiheit, die ich aber durchaus mit einschließe. Es geht auch um die Freiheit von einzelnen und Millionen in aller Welt. Klingt nach Pathos, nein es ist sehr simpel und naheliegend.

Beim letzten Ausflug trug ich diese Prinzessin über die Straße, lebensrettende Maßnahme!

Wir sind alle zur Zeit eingeschränkt in unserer Bewegungsfreiheit, in unseren Kontakten zu Freunden, Verwandten. Ich sehe es als Notwendigkeit, zum eigenen Schutz und dem anderer. Manche sehen es als unnötige Drangsalierung. Einige wenige unterstellen eine Zwangsmaßnahme der Regierung , erstaunlicherweise kommt dieser Vorwurf eher aus Kreisen, die sonst den starken Staat fordern.

Die Reise nach Wien vor vier Wochen, ein Geburtstagsgeschenk, war gebucht, konnte kostenneutral storniert werden. Das Osteressen im Familienkreis konnte nicht stattfinden, wurde durch Telefonate und ein Abendessen mit Laptop-Kontakt nach Berlin ersetzt, drei Stunden lang. unkonventionell , dennoch sehr kommunikativ. Ein Osterhase aus der Nachbarschaft legte selbstgefärbte Eier vor die Tür. Die Verleihung des Menschenrechtspreises am 22. April durch Amnesty international in Berlin ist verschoben. Die Preisträger, die Crew des Schiffes IUVENTA 10, warten auf eine Gerichtsverhandlung in Italien, die Verschiebung der Preisverleihung werden sie verkraften, sie kennen schlimmere Ereignisse oder Prüfungen, Herausforderungen. Was bedeutet im Gegensatz hierzu mein Abwarten auf eine verschobene Veranstaltung? Anfang Mai wollten wir meine „zweite Mutter“ Jeanine in der Normandie besuchen, die Mutter meines Brieffreundes aus der Jugendzeit. An Ostern sprach ich mit ihr am Telefon, nach allen Ausgangsbeschränkungen wird wohl unser erster Ausflug dorthin führen, vielleicht im Herbst.. Das Essen mit meinen Studienkollegen ist auf unbestimmt verschoben. Ich empfinde diese Einschränkungen für mich als nicht gravierend, denn ich kann im Garten

arbeiten, einkaufen gehen, wenn auch nicht alles, Rad fahren, wandern. Ich führe Gespräche mit den Nachbarn, natürlich auf Distanz.

Dank dieser Einschränkungen der letzten Wochen haben wir es immerhin in den meisten Ländern Europas geschafft, die Neuinfektionen auf ein erträgliches Maß zu senken. Wir sind in Deutschland glücklicherweise nicht in die Situation gekommen, und ich glaube, es wird dabei bleiben, dass in den Krankenhäusern überlegt und auch entschieden werden musste, wer ein Intensivbett oder ein Beatmungsgerät bekommt. Es stimmt sicherlich, dass manche PathologInnen bei ihren Untersuchungen herausgefunden haben, dass die Verstorbenen auch ohne Corona Infektion ihrem Tod schon sehr nahe standen. Der Arzt, die Ärztin auf der Intensivstation hat eine andere Sicht, hier geht es darum, Leben zu erhalten, ohne auszuwählen, hier sollte jeder Mensch gleich sein. Sollen ÄrztInnen, VerwaltungsbeamtInnen entscheiden, wer noch die Aussicht auf ein längeres Leben hat. In Frankreich gab es schon den Beschluss, über 80jährige nicht mehr intensiv zu versorgen, eine Entscheidung aus der Not, weil die Resourcen erschöpft waren.

In meinen jungen Jahren während meines Studiums habe ich mehrmals die Möglichkeit genutzt, mir mit Sitzwachen auf Intensivstationen ein gutes Taschengeld zu verdienen. Je nach Klinik gab es für 8 bis 10 Stunden 80 bis 120 Mark, das konnte ich gut brauchen, ein Mal pro Monat oder dreimal während der Osterferien oder auch mal eine Woche lang, das brachte etwas Spielraum ins Budget. Ich habe den Alltag auf solchen Stationen miterlebt. Der Alltag ist nicht einfach, das schweißt schnell zusammen, bei der zweiten, dritten Nachtschicht war man schon wie ein alter Bekannter angenommen. Meist verlief eine solche Nacht oder eine Frühschicht relativ eintönig, manchmal langweilig mit acht Stunden vor einem Monitor neben einem klackerndem Beatmungsgerät, im

Beatmungsgerät von Bird, damals Standard

Kampf gegen das Einschlafen. Dann war man schon mal richtig froh, wenn die Ärztin, der Arzt im Hintergrund in seinem Bereitschaftszimmer keinen Schlaf fand und zum Gespräch herüberkam. Ansonsten hieß es Infusionen wechseln, Medikamente verabreichen und bei Kehlkopfoperierten durch die Atemkanüle im Hals Schleim abzusaugen, wenn man merkte, dass die Atmung schlechter ablief, Husten und Atemnot zu Verkrampfungen führten.

An einem Vormittag zeigte der Monitor einer alten Dame kurz Rhythmusstörungen, dann Herzstillstand. Die diensthabende Ärztin, eine Pflegerin, ein Pfleger waren binnen Sekunden im Zimmer, die Ärztin brüllte ihre Anweisungen, eine Holzplatte wurde ins Bett geschoben, die Ärztin begann sofort mit der Herzmassage, der Pfleger rollte den Defibrillator ins Zimmer. Ich war wohl etwas langsam im Aufziehen einer Spritze, bekam lautstark meinen Anschiss. Beim dritten Elektroschock setzte der Herzschlag dauerhaft wieder ein. Nach gut einer halben Stunde war die Aktion ziemlich überstanden, wir saßen noch lange stumm, verschwitzt, gestresst, angespannt im Zimmer der Patientin. Stunden später trank ich einen Kaffee im Aufenthaltsraum, die Ärztin kam hinzu, schenkte sich eine Tasse ein, legte mir den Arm um die Schulter. „Entschuldige, dass ich dich vorhin so angebrüllt habe, aber diese Frau ist „Oma“, in ihrer Kneipe war ich oft als Studentin, sie war immer wie eine Mutter zu mir.“ Florine war damals um die fünfzig, war Haitianerin, war von allen geschätzt wegen ihrer herzlichen, ehrlichen, manchmal auch direkten Art. Zwei Tage später brachte sie Süßkartoffelsuppe zum Mittagessen für alle, sauscharf, aber echt lecker. Wir haben uns alle blendend verstanden.

Trotz fürsorglicher Pflege, technischem, medizinischem Aufwand mussten wir uns im Kampf gegen Krankheit und Alter manchmal geschlagen geben. Es sind furchtbare Momente, das Bett mit einem Verstorbenen in den Kühlraum zu fahren oder Angehörige zum letzten Abschied in den kleinen Besinnungsraum zu führen. Alle ÄrztInnen und PflegerInnen standen zuerst einmal sprachlos beim Schichtwechsel vor dem leeren Zimmer. Die Schichtübergabe war dann wie eine Erklärung: Wie konnte das passieren, was oft schon lange absehbar war, gegen eine Übermacht gekämpft und doch verloren.

Hier will ich zum Beginn meines Essays zurückkehren. Wir sind alle einerseits mehr oder weniger unfrei geworden durch die Maßnahmen gegen die Ausbreitung der Pandemie. Die letzten Wochen haben aber auch gezeigt, dass wir dadurch die Infektionsrate auf einem erträglichen Maß gehalten haben. So hatten unsere Mitarbeiter im medizinischen Sektor die Freiheit, ihre Arbeit nach eigenem Gewissen zu erledigen, nicht eingeschränkt zu sein durch Engpässe im Intensivbereich und schlimmstenfalls, die Entscheidung über Leben und Tod treffen zu müssen. In der Intensivmedizin geht es darum Leben zu erhalten, egal ob alt, jung, männlich, weiblich, RaucherIn oder NichtraucherIn, wohlhabend oder arm.. Der Pathologe kämpft nicht mehr, zynisch gesagt, vielleicht nur noch mit dem erhöhten Arbeitsanfall, er sammelt seine Befunde, er sieht nicht mehr den um Sauerstoff ringenden Menschen. Auch viele unter uns erkennen nicht den Sinn von Kontakteinschränkungen. Aber ganz einfach gesagt: x% Prozent weniger Kontakte bringen x% geringere Infektionswahrscheinlichkeit. Das Treffen mit Freunden, die klammheimliche Geburtstagsfeier tragen ein Quäntchen dazu bei, dass irgendeine „Oma“ in der Intensivstation landet. Konsequenz ist auch, dass wir auf weniger „Wichtiges“,Vermeidbares verzichten, damit in wichtigen Bereichen früher Lockerungen zu verantworten sind. Dies muss mit Augenmaß, mit Sicherheitsabstand geschehen. Über Wichtig, Vermeidbar kann man natürlich trefflich streiten. Die Infektionszahlen und Sterberaten werden uns den vertretbaren Weg zeigen.

Seit über 40 Jahren spiele ich mit alten Freunden regelmässig Skat, seit ein paar Wochen ist Pause. Einer meiner Mitspieler leidet an COPD, für ihn ist die Kontaktsperre vielleicht lebenserhaltend. Falls er infiziert wird, hat er schlechte Karten. Und falls dann alle Intensivbetten belegt sind, kann er passen bevor die nächste Skatrunde angesagt ist.

Also geniessen wir zur Zeit die Zeit im Freien, mal ohne Biergarten oder Picknick. Wir freuen uns am Kochen, das erfordert manchmal auch etwas Experimentierfreudigkeit. Vieles kann man improvisieren, manch neue Idee wurde geboren. Und wir sollten nicht vergessen, anderen zu helfen, die zu unterstützen, denen es im Moment nicht so gut geht, die massiv eingeschränkt sind. Manchmal hilft schon ein nettes aufmunterndes Wort. Es kann aber auch ein Gutschein des Lieblingsrestaurants sein, oder eines Kinos, der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Die Gedanken sind frei, auch in Zeiten von Kontaktbeschränkungen!

Saargau und Saartal

Es ist ein absolut schönes Frühlingswetter, am Morgen noch recht kühl, aber nachmittags ideal zum Radfahren, ich habe schon darauf gewartet. Jedoch ist in diesen Tagen alles etwas anders: ich wäre normalerweise auf dem kürzesten Weg nach Lothringen gefahren, auf kleinen Straßen über Land zurück nach Deutschland. Heute sind die offiziellen Grenzübergänge gesperrt, ich kännte Möglichkeiten, würde mit Sicherheit auch niemanden gefährden, aber was soll das? Regeln überschreiten just for fun, das muss nicht sein. Ich würde es billigen bei einem Pendler, der zu seinem Arbeitsplatz in Saarlouis einen deutlichen Umweg fahren muss. Ich fahre weiter diesseits der Grenze, etliche Kilometer direkt auf dieser Linie, die 1815 auf dem Wiener Kongress festgelegt und erst 15 Jahre später klar definiert wurde, 1871 wieder weg, 1918 aktualisiert, 1940 annuliert, 1945 wieder an dieser Stelle installiert.

Und wir waren glücklich zu erleben, dass diese Grenze irgendwann nicht mehr existierte. Meine Generation kennt noch den Verlauf, sieht alte Zollhäuser, die anderen Zwecken dienen, erkennt die Wohnblocks, wo früher Grenzer mit ihren Familien wohnten, oder erinnert sich an alte, erzählte Geschichten über Schmuggel: Nahrungsmittel, Alkohol, Kaffee; in jungen Jahren habe ich auch mal geraucht…

Die erste Steigung vom Saartal hoch auf den Saargau habe ich gut geschafft. Der Landschaft hier oben kann ich von Mal zu Mal mehr abgewinnen, im Wandel der Jahreszeiten, oder dadurch, dass ich inzwischen die kleinen Veränderungen bewusster wahrnehme. Vor allem genieße ich immer wieder die

Aussicht über die weite Landschaft ins Lothringer Stufenland, hier kann man vom Fliegen träumen umd beneidet den Milan, dessen Schatten drei Meter vor dem Fahrrad den Weg kreuzt, ich bremse unwillkürlich, um dann wie wild in die Pedale zu treten. Ich hebe nicht ab, nur in Gedanken bin ich an der Marne, am Lac de Der, in Clermont en Argonne.

Das zu dieser Jahreszeit frische Grün der Wiesen und Felder mit den ersten Blüten dazwischen, Wiesenschaumkraut, Gänseblümchen, Schlüsselblumen, Löwenzahn, blühender Weissdorn, Kirschbäume, sind eine Augenweide, will sagen, es tut einfach gut. Das Radeln auf dem Höhenzug, mit ordentlichem Auf und Ab, fällt überhaupt nicht schwer, man könnte vergessen, dass noch ein Rückweg zu bewältigen ist. Da ich hier in den letzten Jahren etliche Male unterwegs war, habe ich mich der Form entsprechend eingeteilt. Also runter ins Tal der Saar: Nähe Saarschleife

Jetzt heißt es nur noch pedalieren. Bei diesem schönen Wetter sind etliche Freizeitfahrer und Familien unterwegs, es freut mich, dass viele Menschen die verordnete Freizeit nutzen, um etwas für die körperliche, geistige und soziale Gesundheit zu tun. Trügt mich der Eindruck, dass viele sehr entspannt wirken?

Nilgänse in den Saarauen

Nach gut 50 Kilometern wieder vorbei an der heimischen Siersburg, es waren drei tolle Stunden, nachahmenswert. Diese Strecke bin ich mit Varianten in den letzten Jahren mindestens zehn Mal gefahren, immer wieder anders und immer wieder schön. Es scheint, dass ich hier zu Hause bin.

Nachtrag nach der nächsten Runde, zwei Tage später: im geteilten Dorf Leidingen zieht sich kein Flatterband über die Neutrale Straße, Rue de la Frontière; ich wäre entsetzt gewesen. Es ist so ruhig, fast verlassen wie immer, im letzten Winkel Frankreichs oder Deutschlands, man könnte denken: Sie sind dort unter sich.

Auf den Obstwiesen des Saargaus reift einiges an Früchten, ein Teil wird verzehrt, der größere Rest, vor allem der weniger leckere, wurde früher vergoren und gebrannt, haltbar gemacht, Gauwhisky wurde der Hochprozentige genannt. Er gehörte zeitweise für die Landarbeiter zur Tageskost. Inzwischen sind auch die Landbewohner anspruchsvoller geworden: es werden Edelobstbrände hergestellt: Pflaume, Birne, Apfel, Himbeergeist, Kirsch, Marillen, Mispel und manch anderes. Aber in diesen besonderen Zeiten besinnt man sich auch wieder ganz simpel auf die desinfizierende Wirkung von C2H5OH, Weingeist, der Gauwhisky hat einen besseren Sinn bekommen. „Neu“, wie auf dem Schild, ist das Angebot, jedoch nicht das Produkt. Für Liebhaber von Hoch%igem ist die Brennerei Monter schon seit langer Zeit eine Empfehlung, jetzt auch für Gesundheitsbewusste.