Gastarbeiter: zum Film Almanya-willkommen in Deutschland

„Gast“arbeiter, ein schöner Begriff für die Menschen, die nach Deutschland kommen durften, um hier die Drecksarbeiten zu erledigen. Schon während meiner Schulzeit hatte ich von Missständen bei der Unterbringung, den Arbeitsbedingungen, den Lebensbedingungen dieser Menschen gehört, lange bevor Günter Wallraff, „Ganz unten“ geschrieben hatte. Sie waren erforderlich für das Wirtschaftswunder und hatten großen Anteil am Gelingen. Dass mit den Arbeitskräften auch Menschen kamen, übersah man nur zu gerne.

Persönlich kennen lernte ich Gastarbeiter während meiner Semesterferien als Hilfsarbeiter im Hüttenwerk. Die meisten stammten zu dieser Zeit aus Anatolien. So erfuhr ich persönlich etwas über ihre Lebensumstände. Ich muss sagen, dass es schon sehr beschämend war, zu sehen, wie viele von ihnen ausgenutzt wurden mit überzogenen Mieten für kleine Zimmer, in denen mehrere Männer sich im Schichtbetrieb die Betten teilten. Umgekehrt waren sie trotzdem froh, dass sie mit dem hier verdienten Geld ihre Familien in der Türkei unterstützen konnten. Und nicht alle wurden schlecht behandelt.

Während einer Schicht von acht Stunden gab es genügend Zeit sich zu unterhalten. So lernte ich auch einige türkische Wörter, zB. die Zahlen und Grundnahrungsmittel, Begrüßungsfloskeln usw. Wir jungen Studenten hatten den intensivsten Kontakt zu den „Gästen“, wir waren unbefangen, ausserdem standen wir in der Arbeiterhierarchie ähnlich weit unten. Ein schönes Detail ist mir besonders in Erinnerung geblieben: „unsere“ Türken aßen in den Pausen immer auch frische Tomaten, Gemüsegurkenstücke, Paprika, man lernt dazu.

Als ich einige Jahre später selbst mit Freunden die Türkei durchkreuzte, war ich sehr froh, dass diejenigen, die aus Deutschland in ihre Heimat zurückgekehrt waren, unser Land in guter Erinnerung behalten hatten, da war ich vorher eher skeptisch. Wir wurden überall ausgesprochen freundlich empfangen, zum Tee eingeladen, bewirtet. Zu dieser Zeit hat wohl kaum ein Deutscher einen Türken aus der Nachbarschaft zum Kaffee eingeladen? Auch ich habe dies erst viel später nachgeholt.

Einige wenige persönliche Eindrücke, mit Sicherheit nicht absolut representativ, aber echt.

Am Montagabend auf ARTE, wird der Film Almanya gezeigt. Ich finde ihn sehr gelungen. Bei allem ernsten Hintergrund gibt es auch viel zu lachen.

Winterpause

Die eine oder der andere wird sich schon gefragt haben, ob ich das Schreiben aufgegeben habe. Es war eine Pause. Wobei ich zu meiner Entschuldigung vorbringen muss, dass ich in der Zwischenzeit nicht untätig war. Meine Spendenaktion für Amnesty International hat perfekt geklappt, meine Unterstützer; „Wasserträger“, waren eine wundervolle Unterstützung, nochmals vielen Dank. Soweit möglich habe ich mich persönlich, meist per Fahrrad, vor Ort bedankt, natürlich nicht am Bodensee oder in Kassel.

Ich darf euch gestehen, dass die Schreiberei nicht ohne Anstrengung verläuft, das braucht schon Zeit, und in manchen Fällen muss ich auch recherchieren. Stimmt das mit dem Sonnenaufgang in Paris zu dieser Uhrzeit? Oder verwechsele ich zwei Aufenthalte in der Seinemetropole? Meist ist mein Gedächtnis noch ganz gut, vor allem was die Geografie und Gegebenheiten angeht, Daten muss ich kontrollieren. Während meiner Tour im Sommer war das Schreiben besonders anstrengend, vielleicht war gerade deshalb eine Pause notwendig. Es ist mir im Nachhinein erst richtig bewusst geworden, dass ich abends richtig fertig war. Wenn ich meine Texte im Nachhinein wieder lese, die Rechtschreibfehler bemerke, und mich sehe, wie ich auf ein Abendessen wartete oder im Bett lag gegen elf Uhr abends oder morgens um sechs, und schrieb auf der Minitastatur des Smarties, mit dicken Fingerkuppen immer wieder zwei Buchstaben erwischend, das war schon hart.

Ihr merkt aber auch, dass es mir Freude bereitet hat: Ja, es war ein irres Erlebnis. Es ist durchaus vergleichbar mit der Perureise, die ich letztes Jahr beschrieben habe. Ich bin mir sicher, es sind die Unwägbarkeiten, die diese Abenteuer ausmachen, die sie in der Erinnerung einprägen. Jeden Morgen, jede Stunde am Tag die Frage, wie es weiter geht. Andererseits verläuft alles in geordneten Verhältnissen, risikolos, zumindest nicht mehr Gesundheitsrisiko als bei einem üppigen Abendessen in einem Hotel. Nur unberechenbar, nicht nur beim Essen.

Anfang Januar, in Leicks Hof, durfte ich mein Projekt vom letzten Jahr mit Vortrag und Lesung aus diesem Blog vorstellen. Auch dies war eine neue Erfahrung für mich, erforderte Vorbereitung: Texte auswählen und anpassen, zeitliche Abstimmung, Fotos zum Vortrag, Vorlesen üben, Informationen über amnesty zusammenschreiben, Überleitungen formulieren, damit das ganze auch etwas lebendig wird. Schließlich will ich meine Begeisterung fürs Radfahren und für die Menschenrechte ja irgendwie auch rüberbringen. Denn es soll, wenn möglich, an Spenden noch etwas hinzukommen. Es hat gut geklappt. Nach einigen Kommentaren wage ich zu behaupten, dass die Zuhörer zufrieden waren. Nach der Veranstaltung schauten Eckhard und ich zufrieden in den Spendenhut und genehmigten uns einen Wein bzw. ein Pils.

Heute Nacht ist meine Aktion für //www.amnesty-in-bewegung.de/projekt/2020/1000-km-fuer-die-menschenrechte zu Ende gegangen. Die Gesamtspendensumme beträgt € 11.111. Ihr könnt euch ausrechnen, wieso und wie es gerade dieser Betrag wurde, es sollte halt passen. Und wenn jetzt noch jemand nachlegen möchte, dann aber bitte so, dass sich wieder eine besondere Zahl ergibt-nächsthöhere Quadratzahl oder Primzahl, oder schöner: Palindromzahl, der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

1000 km, Momente, die erschaudern lassen

Schauer habe ich auf meiner Tour mehrere erlebt. Den ersten am vierten Tag kurz hinter Wertheim, er löste auf angenehme Art die lange Hitzeperiode ab. Ein Gewitterschauer beendete meine Etappe in Bayreuth. Die tschechische Grenze überquerte ich im Regen und wartete im Unterstand der Aldi-Rollis auf Besserung. Meinen Sturz in Leipzig beendete ich auf regennassem Boden. In Herzberg ging ich klitschnass zum Essen. Am vorletzten Abend 25 km oder eine Stunde vor Beeskow ließ ich einen Gewitterschauer rechts liegen, der andere vor mir zog gerade noch weg, bevor das Buffet im Hotelhof aufgebaut wurde. Und ich beendete einen Tag später meine Tour an der Stadtgrenze von Berlin im Gewitter. Eigentlich hatte ich im Großen und Ganzen gutes Wetter.

Zittern im Schatten bei 39 Grad.

Auf der Fähre über den Rhein bei Gernsheim überfiel mich ein unangenehmer Schauder nach 98 Kilometern, die letzten 50 davon war ich in glühender Hitze gefahren. Vom Fahrrad abgestiegen im Bauch des Schiffes zitterten mir die Beine, die Kassiererin musterte mich mit fragendem Blick. Ich versuchte cool zu bleiben bei knapp 40°C. Die Rheinebene ware nicht so eben gewesen wie erwartet, doch noch einige kurze Anstiege, die mich bei dieser Temperatur wirklich forderten. Ich hatte auf Flüssigkeitszufuhr geachtet, aber wenig gegessen, ein regelrechter Hungerast hatte mich überfallen, rund 10 Kilometer hatte ich schon gekämpft, um voran zu kommen. Jetzt halfen nur eine richtige Pause und Glukosezufuhr um diesen Schauder zu überwinden. Eine halbe Stunde mit zwei großen Radlern und Blick auf den Rhein ermöglichten noch die letzten 22 Tageskilometer. Zwei Weizenbier beim Abendessen ergänzten meine getrunkene Tagesmenge auf über neun Liter. Am nächsten Morgen wunderte ich mich, dass ich nachts nicht auf der Toilette war, nach dem üppigen Schlaftrunk: offensichtlich war die Bilanz immer noch negativ gewesen, ich hatte das leere Depot aufgefüllt. Und ich hatte gelernt, wieviel zu trinken und zu essen war.

Auf dem Schneeberg, die halbe Pflichtstrecke hatte ich hinter mir. Ich wollte an diesem Morgen Höhenmeter ergattern. Bei diesigem Wetter, aber bei ausreichender Sichtweite den Berg hoch, 25 Kilometer Anfahrt bei mäßiger Steigung zum Warmfahren. Dann eine ewig lange Gerade bergauf, 10-14%, schwitzend, Jacke offen, mit klammen Fingern. Endlich die Kurve, nein, doch nicht die letzte, es folgte noch ein langer steiler Bogen. Ich erreichte den Gipfel, 1051 Meter hoch, der höchste Punkt der ganzen Fahrt. Der Schneeberg war irgendwie auch so ein Traumzwischenziel. Ich hatte ihn erreicht. Als ich meine Brote aß, die ich mir beim Frühstück belegt hatte, trockenes Brot mit Schinken, übersteht auch einen heißen Tag, wenn man es nicht vorher verschlingt, lief mir ein Schauer über den Rücken. Es waren nicht Kälte und Nebel. Es war das Gefühl, dass mich nichts aufhalten konnte, dass ich unschlagbar, unkaputtbar sei, wie die Reifen meines Fahrrades. Als das junge Paar mit Mountainbikes recht zügig auf einer Piste heraufgefahren kam, schaute ich auf ihre Räder: E-Mountainbikes. Jetzt war mir klar: ich war hier der Schneekönig. Während der Abfahrt schob ich das „Unkaputtbar“ dann schnell beiseite, bei aller Verrücktheit, in diesem Falle Entrücktheit, sollte doch noch ein Quäntchen Vernunft walten. Die physikalischen Gesetze sind gnadenlos. Kurz gesagt: Nach der Euphorie bin ich verhältnismäßig langsam den Berg runter, nicht übert 40, und habe erst im Tal wieder richtig Gas gegeben.

Richtig schaurig wurde mir zwei Tage später in Leipzig. Ein Nieselregen hatte eingesetzt, mal Niesel, mal Regen. Ich hatte mich arrangiert, es war nicht kalt, aber auch nicht angenehm. Auf der Suche nach dem Radring um die Stadt, schaute ich immer wieder vergeblich zur Karte und nach Radwegweisern, wollte an einer Bushaltestelle weiterfragen. Unachtsam, vielleicht war auch der Boden rutschig beim ersten Regen nach langer Trockenheit, Staub, Feinstaub, Gummiabrieb, wahrscheinlich war ich auch nur ungeschickt beim Überfahren der abgerundeten Bordsteinkante. Ich plumpste auf die Hüfte, schrie „Scheiße“, und zwei junge Burschen kamen mir zu Hilfe. In diesem Moment, noch bevor ich den ersten Schmerz richtig orten konnte, schossen mir die Gedanken durch den Kopf: „Ist dies das Ende der Tour?“, „kann ich aufstehen?“, was ich dann auch direkt tat, um mich flugs an der Haltestelle niederzusetzen, flau im Kopf, fröstelnd. Die beiden Jungs stellten mein Fahrrad auf, steckten die Wasserflaschen zurück in die Halterungen, setzen sich neben mich und schauten mich erschrocken an. Auch ich schaute mich an: Ein Finger schmerzte, der Nagel war blutunterlaufen, der Handschuh aufgerissen. Den habe ich erst zu Hause in die Mülltonne geschmissen, er war mir von diesem Moment an jeden Morgen Mahnung: „Pass auf, Alter!“ Immer noch benommen, sah ich, wie sich Blut vom Ellenbogen mit dem Regen mischte. „Das wird sich von selbst regeln“, murmelte ich zu meinen Helfern, und macht mir Mut. Mein Kreislauf regulierte sich, Schaudern und Zittern ließen nach. Hand, Ellenbogen, Hüfte schmerzten, eine kleine Schramme am Helm, aber ich konnte alle Körperteile normal bewegen. An der nächsten Kreuzung fragte ich einen Radfahrer nach dem Weg Richtung Torgau. „Geradeaus bis zum Bahnhof, dann halbrechts, immer die B87.“ Unterwegs las ich Wahlplakate: „Leipzig, raus aus Sachsen!“ Auch dies hatte ich mir für diesen Tag noch vorgenommen, „raus aus Sachsen“, es gelang mir, den Leipzigern nicht.

Am zehnten Tourtag: die Oder ist überquert und ich betrachte Frankfurt von Polen aus. Deutschland habe ich durchfahren, die 1000 Kilometer habe ich geschafft. Mit Gänsehaut im Rücken überquerte ich die Oder, nur noch 80 Kilometer nach Westen bis Berlin.

Am Nachmittag fuhr ich über die Grenze zwischen Brandenburg und Berlin, bei Neu-Venedig schien noch die Sonne, das zehnte Bundesland war erreicht. Gut eine Stunde später schüttete ich auf dem S-Bahnhof von Friedrichshagen das Regenwasser aus meinen Schuhen. Auf dem Dach trommelte der Gewitterregen so laut, dass man selbst die Züge kaum hörte, immer wieder Blitze und Donner: Welch ein Empfang! Bis auf die beiden 10000 Marken hatte ich alle gesteckten Ziele erreicht. Ich war überglücklich. Die Bilder und Eindrücke der letzten Tage liefen im Kopfkino. Sie ließen mich mehr erschaudern als Nässe und Luftzug. Meine Freudentränen mischten sich unmerklich mit dem Regenwaser, das aus Helm und den wenigen Haaren triefte. Endlich kam der Zug, drinnen wohlig, stickig warm.

Im Hauptbahnhof angekommen hatte ich Hunger, war aber zu bequem oder zu erschöpft, um das Fahrradschloss unten aus der Packtasche, rechts? oder links?, zwischen Landkarten und Wäsche heraus zu kramen, ich hatte es auf der ganzen Fahrt einmal benutzt. Die meisten Menschen vertrauen mir, und ich vertraue ihnen, geht doch gut so. Aber hier wollte ich mein Fahrrad mit allem Gepäck nicht einfach so abstellen. Also schob ich Kreise im Erdgeschoss, bis mich Mira wieder anrief und flugs hinter mir stand. Einige Minuten später gesellte sich Christian zu uns. Wir wateten durch die Pfützen zwischen Kanzleramt und Reichstag zum Fotoshooting, angekomman am Ziel Berlin. Kein Frösteln mehr, jetzt fühlte ich mich wie zu Hause angekommen.

Inzwischen ist es Anfang November. Ich bin dabei, mich nach und nach bei meinen „Wasserträgern“ zu bedanken. Ein Mitarbeiter von Amnesty International ruft mich an und fragt mich, ob ich auf dem Laufenden sei über den Spendeneingang zu meiner Aktion. Ich schätze auf 7500 Euro, rund 6000 sind verbucht, und ich weiß noch von einigen anderen Spendern. „9450 Euro“ sagt er, und wieder läuft mir ein Schauer über den Rücken. Auch dieses Ziel werden WIR erreichen! Ich danke euch allen für diese Gänsehaut! https://www.amnesty-in-bewegung.de/projekt/2020/1000-km-fuer-die-menschenrechte

Das Spiel mit den Zehnerpotenzen ist aufgegangen:

10 hoch 4 : die Höhenmeter sind erreicht und die Spendensumme wird erreicht werden

10³: 1150 km sind gefahren und schöne Eindrücke hatte ich reichlich

10²: im Schnitt waren es über hundert Tageskilometer (zwischen 74 und 142), ich habe euch über hundert Bilder mit Beschreibungen übermittelt

10 hoch 1: 10 Tage war ich auf Achse, 10 Bundesländer und drei Nachbarländer berührt

10 hoch null = 1: ein Ziel wurde nicht erreicht, es gilt weiterhin für die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte zu kämpfen, tagtäglich, jeder für sich im Kleinen und wir alle zusammen. Es wird ein unerreichbares Ziel bleiben, dessen war und bin ich mir bewusst. Aber es ist ein wundervolles Ziel vor unseren Augen.

Liebe zu Frankreich: Chansons

Ersten Kontakt zum französischen Chanson habe ich während meines Frankreichaufenthaltes 1966 in der Charente. Die Brieffreundin meiner Schwester, Françoise, besitzt eine Single von Françoise Hardy mit den Titeln „Oh,Oh Chérie“ und „Tous les garçons et les filles“, die wir natürlich des öfteren anhören. https://www.youtube.com/watch?v=0aLoezucIzk Die Musik geht mir ins Ohr. Die Melodie dieser Musik, aber auch der französischen Sprache halten mich bis heute in Bewunderung. Ein paar Jahre später finde ich diese Interpretin mit langen Haaren und Minirock natürlich erst recht ganz toll, da läuft dem Heranwachsenden bei „J’ai chaud, j’ai froid“ ein Schauer über den Rücken. Inzwischen habe ich die ersten Chansons von Georges Moustaki gehört und verinnerlicht, dank der wöchentlichen Sendungen von Pierre Séguy im Saarländischen Rundfunk. Ich nehme per Mikrofon Radiodendungen mit meinem Tonbandgerät auf, übrigens ein Gerät von Uher, damals guter Standard, das ich mir leiste, weil ich eine im Preisausschreiben gewonnene Reise an die Adria weiterverkaufe. Da meine Französischkenntnisse bei weitem nicht ausreichen, um die Texte richtig zu verstehen, mache ich mich daran, die Inhalte bruchstückhaft aufzuschreiben. Irgendwann habe ich dann die Idee, Pierre Séguy via SR persönlich anzuschreiben und ihn um Texte und Übersetzungen zu bitten. Ich bekomme sehr bald einen dicken Briefumschlag mit Material, das ich verwende, um einen Chansonabend mit unserer Jugendgruppe zu gestalten: Der Anklang ist eher mäßig, was meine Begeisterung für Moustakis Texte nicht mindert. Besonders „Ma Liberté“ hat es mir bis heute angetan.

Andere Interpreten höre ich, gefallen mir, manche Stücke interessieren mich, z.B. „Paris, s’éveille“ darüber habe ich geschrieben in https://wordpress.com/block-editor/post/fuerfreiheitkaempfen.wordpress.com/6251 Auch das Chanson von Barbara ,“Göttingen“ berührt mich, diese zarte Stimme, diese muntere Interpretation und vor allem diese lustige Aussprache des „Göttinggen“. Jahrzehnte später sitze ich auf einem Schiff zwei Studentinnen aus Göttingen gegenüber und frage sie, ob sie „Göttinggen“ kennen. Sie kennen es leider nicht. Gerade erst ein paar Tage zuvor habe ich etwas über die Entsstehungsgeschichte des Liedes gehört. Für mich ist der Punkt zum Nachforschen gekommen: https://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%B6ttingen_(Lied) Es ist wichtig zu wissen , dass Barbara, 1930 als Tochter jüdischer Eltern geboren, während der deutschen Besatzungszeit im Département Isère versteckt, eine Antipathie gegen alles Deutsche hegte. 1964 lud ein Fan, ein Herr Klein, Direktor des Jungen Theaters Göttingen , sie zu einem Konzert ein, das sie nach anfänglicher Absage dann doch noch unter Bedingungen zusagte.

Als sie in Göttingen eintraf, stand der versprochene Flügel nicht zur Verfügung, und sie wollte ohne Konzert abreisen. Eine alte Dame der Stadt stellte einen Flügel zur Verfügung, den zehn Studenten durch die Stadt zum Konzertsaal trugen. Sie hielt ihr Konzert und verlängerte ihren Aufenthalt um eine Woche. Berührt durch die Eindrücke der letzten Tage schreibt sie am Nachmittag vor dem letzten Auftritt die Rohfassung für das Chanson „Göttingen“. Es war und ist eine Hymne gegen Ressentiments, die sie selbst vorher hatte, die sie durch die positiven Erfahrungen mit den Menschen in Göttingen in dieser Woche beiseite schob und auch überwinden lernte. Dieses Chanson wurde in Frankreich sehr bekannt und leistete einen enormen Beitrag zur deutsch-französischen Verständigung. Wie so oft spielen Gefühle und Empfindungen eine größere Rolle als Logik und Raison, in diesem Falle, glücklicherweise. Den Text gibt es unter diesem Link: https://www.songtexte.com/songtext/barbara/gottingen-6bca02ee.html

Georges Brassens und Jacques Brel lerne ich erst spät kennen und schätzen, was auch, vor allem bei Brassens, mit fehlender Sprachkenntis zu tun hatte. Hier hat mir mein französischer Freund André oft weitergeholfen, weil so manches unflätige Wort aus der Umgangssprache, dem argot, in keinem Dictionnaire zu finden ist. Ich wage zu behaupten, er ist Brassens-Kenner, und es ist wundervoll, wenn ich zu einem der Titel die gesellschaftspolitischen Hintergründe der damaligen Zeit erfahre oder endlich begreife, was ein Text eigentlich ausdrücken soll. Man lernt nie aus.

Aktuell höre ich gerne Zaz, quirlig, munter, mit Texten, die mich ansprechen. Meine Liebe zu Moustaki dauert an. Deshalb ein relativ unbekanntes Chanson zum Schluss: „Joseph“. Ein etwas anderes Liebeslied, einfühlsam und mit besonderer Ironie. Der Text auf Französisch: https://www.metrolyrics.com/joseph-lyrics-moustaki-georges.html und meine Übersetzung:

Das hast du nun davon, mein lieber Josef, dass du unbedingt die hübscheste haben wolltest unter den Mädchen aus Galiläa, die, die man als Maria kannte. Mein guter Josef, du hättest Sarah oder Deborah haben können, und nichts wäre passiert, aber du hast Maria allen vorgezogen. Mensch, alter Kumpel, du hättest zuhause bleiben können, weiterhin dein Holz tischlern, stattdessen bist du mit ihr in die Fremde abgehauen, um dich mit ihr zu verstecken. Du hättest mit ihr Kinder bekommen können, und ihnen deinen Beruf beibringen können, wie ihn dein Vater dir beibrachte. Warum, Josef, musste dein unbefangenes Kind diese seltsamen Ideen haben, die Maria so oft zum Weinen brachten. Manchmal denke ich an dich, Josef, mein bedauernswerter Freund, wenn sie über dich lachen, über dich, der doch nicht mehr wollte, als einfach nur glücklich mit Maria zu leben.

Immerhin hat es Josef geschafft, noch nach 2000 Jahren im Gedächtnis vieler Menschen zu sein, mit dieser romantischen Geschichte von ungewollter Schwangerschaft, von zu Hause durchbrennen, einem etwas sonderbaren Kind, vermutlich hochintelligent, vielleicht auch hyperaktiv. Die meisten, die noch nach so langer Zeit im Bewusstsein geblieben sind, mussten ganz andere Dinge leisten: in einer Tonne leben oder Winkel im Dreieck berechnen, Schatten an einer Höhlenwand beobachten. Andere schickten Tausende in den Tod oder schrieben darüber, stiegen mit Cäsaren ins Bett, eroberten die halbe Welt oder brannten ihre Hauptstadt ab, um etwas Bleibendes zu hinterlassen. Ich glaube nicht daran, dass einer von den oben genannten jemals erfahren hat, was aus ihm/ihr geworden ist oder im kollektiven Gedächtnis geblieben ist, ob sie tatsächlich Geschichte gemacht haben. Dem Einen oder der Anderen würde ich es wohl gönnen, ob im Positiven oder Negativen sei dahingestellt, manche sollte man einfach vergessen, viele sind längst vergessen. Uns bleiben immerhin neben allem einige schöne Chansons und diese Hommage an den alten Josef:

Hörprobe: https://www.youtube.com/watch?v=cbAqF3omR94

Gedankensprünge: Parabel über das Ertrinken

Zehn Personen stehen an einem lauen Herbstabend am Fluss und geniessen die Abendstimmung. Es kommt etwas Unruhe auf, als der jüngste von ihnen äussert, Hilferufe zu hören. Ihm wird die übliche Panikmache unterstellt, er solle nicht immer die Stimmung verderben. Einige Minuten später, die Rufe sind lauter geworden, behauptet auch ein zweiter, sie wahrzunehmen. Nach geraumer Zeit, die Rufe sind inzwischen so eindringlich geworden, dass die meisten das Gefühl bekommen, etwas tun zu müssen: „Da scheint wirklich jemand zu ertrinken, wir sollten helfen!“ Zwei der Anwesenden denken daran, ein Floß zu bauen. Drei andere verwerfen die Idee als zu teuer, und, man könnte dabei auch nasse Füsse bekommen. Man einigt sich darauf, ein paar Balken in den Fluss zu werfen: Er könnte sich schon selbst helfen, es würden sich sicherlich auch findige Menschen daran machen, aus diesen Hilsmitteln etwas Neues zur Rettung zu entwickeln. Das findet einer der Anwesenden als perfekte Verschwendung: der Ertrinkende bräuchte doch nur seine Schwimmtechnik zu verbessern, um sich zu retten. Zwei der Anwesenden, stark sehbehindert, behaupten, dass hier niemand ertrinken könne, da sie keinen Fluss sähen.

In den asozialen Medien, hier Facebook, lese ich, dass der erste, der aufmerksam wurde, den Ertrinkenden in den Fluss gestoßen haben soll. Gepostet von denen, die den Fluss gar nicht sehen wollten. Er sei auch Schuld daran, dass das Holz für Balken knapp und teuer geworden sei. Ausserdem sei er auch verantwortlich dafür, dass der Fluss ausgetrocknet sei.

Wasserträger

Diesen Begriff habe ich in den Beiträgen der letzten Monate mehrmals verwendet. Eigentlich mehr ironisch, denn ich bin kein Radprofi, und niemand ist vor, neben, hinter mir her gefahren.

Eines will ich klarstellen: Wasserträger ist kein herabmindernder Begriff. Einige meiner Leser sind radsportbegeistert, die dürfen schnell überlesen, aber auch ihnen danke ich. Den anderen will ich kurz erklären, wie wichtig im Radsport Wasserträger sind. Kein Merckx, kein Armstrong, kein Ullrich, kein Indurain, kein Froome hätte ohne seine Helfer seine Siege erreicht. Es sind die vielen oft namenlosen Rennfahrer, die Windschatten bieten, um ihrem Leader Energie zu sparen, die Wasserflaschen (daher der Name) und Energiefutter herbeifahren, die sich abrackern, um den Teamchef nach einer Reifenpanne wieder ins Fahrerfeld zu bringen, bei Totalschaden sogar ihre Maschine überlassen. Manche sind nicht namenlos geblieben, wie beispielsweise George Hincapie, Edelhelfer von Armstrong nannte man ihn, weil er dem Chef bis zum Ende einer Etappe noch helfen konnte, allerdings gedopt. ( Dem Edelhelfer Doping habe ich nie vertraut, abgesehen von Radler und Espresso, die meisten der oben genannten waren regelrecht abhängig.) Trotz Doping ist Udo Bölts für mich immer noch erwähnenswert, erstens weil er ehrlich gestanden hat, zweitens weil er unauffällig für sein Team vom Anfang bis zum Ende der Tour de France zur Sache ging, als Helfer, auch als psychologischer Berater. Als Jan Ullrich in den Vogesen schwächelte, puschte er ihn mit seinem unvergessenen Spruch: „Quäl dich du Sau!“ Diesen Aufruf hatte ich auf meiner Tour, öfter schon in der Vorbereitung, mehrmals im Kopf, und er hat auch mich motiviert.

Meine Wasserträger haben mir keinen Windschatten geboten und keine Wasserflasche angereicht, sie waren eher imaginär. Meine Unterstützer agierten im Hintergrund. Sie haben mich durch ihre Spenden angetrieben, ohne „quäl dich du Sau“ zu brüllen, ich habe trotzdem verstanden. Wenn es darum geht, ein Ziel zu erreichen, muss man beißen, da braucht man Ansporn. Man braucht auch Anerkennung, und, ich gebe zu, auch Bewunderung spornt an. Die kam von meinen Lesern und von etlichen Menschen, denen ich unterwegs begegnet bin.

Wenn ich dann abends meinen Tagesbericht schrieb, während des Wartens aufs Essen oder auch schon im Bett liegend, wollte ich auch etwas zurückgeben. Ich hoffe, es ist mir gelungen.

Peru 1980, Mitbringsel

Eine ganze Menge haben wir in einem Tragegestell und einem Rucksack befõrdert: zwei Teppiche, die lange Zeit Wand und Boden in unseren Wohnungen schmücken sollten. Pullover aus Alpakawolle, Hut und Mütze trug ich noch über Jahre. Drei Tongefäße, zwei Flaschen Pisco, vier Kürbisse mit Schnitzereien, eine Flöte. Der Pisco ist nicht mehr vorhanden. Es waren auch Schilfboote dabei, die kurzfristig schon gestohlen waren, aber wiedererobert, Stoffpüppchen, Schmuck, ein Spiegel…

Was bringt man mit aus Peru, aus einem Land, das man nicht kannte, geschweige denn kennt nach vier Wochen. Wir reisten mit offenen Augen, ja, aber, wir waren Touristen mit ganz beschränktem Zugang zum wirklichen Leben.

Wir haben aber vor allem mitgebracht die Erinnerung und die Eindrücke einer für uns anderen Welt, wohl auch fremden Welt, der wir uns teilweise annähern konnten, die uns auch akzeptierte, sei es als europäische Touristen, aber auch als zwei Menschen, die sich offen und ehrlich für diese Kultur interessierten. Wir haben vor allem mit eigenen Augen gesehen, welches Elend es in einem Land auf der dunklen Seite der Erde gibt. Inti, der Sonnengott, wurde von den Inkas als höchster Gott verehrt, er sollte gute Ernten bringen. Die einfachen Menschen warten bis heute auf für sie greifbare Erträge, für sie scheint die Sonne nicht. Hier wollten wir einen kleinen Beitrag leisten, um einigen wenigen Kindern die Chance zu geben, etwas Licht, eine Perspektive im Leben zu sehen.

Vor unserer Reise hatten wir einen VHS-Kurs in Spanisch belegt, der in einem Saarbrücker Gymnasium angeboten wurde. Dort sahen wir Werbung für ein Projekt dieses Gymnasiums: Patenschule Peru. Hier wollten wir uns engagieren. Eine Lehrerin an einer deutschen Schule in Lima koordinierte vor Ort. So wurden durch den Verein Baumaterialien gekauft, um einfache Schulgebäude in einem der Elendsviertel zu erstellen. Die Baumaßnahmen selbst wurden von Bewohnern der Favela ausgeführt, arbeitslose Männer gab es reichlich, das war ihr Beitrag für die Ausbildung ihrer Kinder. Der peruanische Staat verpflichtete sich, Lehrer zu schicken, wenn erst einmal ein Schulgebäude stand. Außerdem bekamen die Kinder eine warme Mahlzeit am Tag. Für die Ärmsten vermittelte die Lehrerin Patenschaften, so zahlten wir über die folgenden Jahre unter anderem Schulbekleidung, Bücher, Busgeld zu weiterführenden Schulen, einfach das Nötigste. Die von den Kindern und Jugendlichen geschickten Weihnachtsgrüße erhielten wir so gegen Ostern, es war uns schon klar, dass man ihnen zu diesem Brief dreimal ins Gewissen geredet hatte, es gab ja keinerlei persönlichen Bezug. Wenn dann ein kleines gemaltes Bildchen, ein geflochtenes Armband, ein Wollpüppchen mit im Brief lag, eine einfache persönliche Geste, rührte uns dies schon intensiv.

Irgendwann Anfang der achtziger Jahre kam die Anfrage unseres Freundes Hans aus Lima, ob ich Medikamente gegen Malaria besorgen könne, die dringend gebraucht würden. Ich versuchte es, schrieb rund ein Dutzend pharmazeutische Betriebe an, die entsprechende Produkte am Markt hatten. Eigentlich blauäugig, aber es funktionierte. Eine handvoll Produzenten reagierte und innerhalb von zwei Monaten hatte ich Medikamente im Wert von zigtausend Mark zu Hause liegen. Blieb der Versand, die Kosten wollte ich gerne übernehmen, Problem Zoll. Es ergab sich eine einfache, unbürokratische, diplomatische Lösung: Die Medikamente wurden über die peruanische Botschaft in der BRD zollfrei nach Lima versandt. WIn, win, win, … für einige Hundert Menschen, wie wir sie während unseres Urlaubes gesehen hatten, bei denen wir vielleicht gegessen hatten, mit denen wir sehr wahrscheinlich nie gesprochen hatten, die wir nie gesehen hatten, denen wir jetzt helfen konnten, mit einigen Stunden Schreiberei. Es hatte geklappt!

Wir haben viel mitgebracht aus Peru und konnten auch etwas zurückgeben.